Einwanderer im Revier diskutieren über Sprachtest-Urteil

Bevor sie nach Deutschland zu ihren Ehemännern ziehen durften, mussten türkische Ehefrauen bislang bereits in der Türkei Deutschkenntnisse erwerben.
Bevor sie nach Deutschland zu ihren Ehemännern ziehen durften, mussten türkische Ehefrauen bislang bereits in der Türkei Deutschkenntnisse erwerben.
Foto: dpa
Sie sollten die Integration befördern, jetzt sollen sie abgeschafft werden. Die Richter des Europäischen Gerichtshofs haben erklärt, dass Sprachtests als Voraussetzung für den Zuzug von türkischen Ehepartnern nach Deutschland nicht rechtens sind. Nicht alle Einwanderer sind begeistert.

Gelsenkirchen.. Das Happy End musste warten. Das deutsche Konsulat in Izmir hatte dem frisch Vermählten schon zweimal ein Visum verweigert und ihm mitgeteilt, dass er als Türke nur in Deutschland leben könne, wenn er einen Sprachkurs erfolgreich besuche. Eine wartende deutsche Ehefrau und Trennungsschmerz zählten nicht.

Zehn Kilo leichter und ein paar tausend Euro ärmer durfte Sükru Yetken schließlich nach 18 Monaten zu seiner Gattin ins Ruhrgebiet ziehen. „Das war hart und verdammt schwer. Wir vermissten uns, aber durften uns nicht sehen“, erinnert sich Ehefrau Sidika Yetken.

Doch was die beiden erlebten, soll bald Vergangenheit sein. Der Europäische Gerichtshof (EuGH) hat ein seit Jahren umstrittenes Instrument zur Integration gekippt: Die Sprachtests für Ehepartner von in Deutschland lebenden Türken sind nicht rechtens, entschieden die Richter in Luxemburg. „Die Sprachtests als Voraussetzung für den Nachzug von Ehegatten nach Deutschland erschweren die Familienzusammenführung“, heißt es in der Urteilsbegründung.

500 Euro Kursgebühr im Monat

„Zumindest hat es länger gedauert, bis es mit der Familienzusammenführung klappte“, sagt Sidika Yetken, die ihren Mann bei einem Familienbesuch in der Türkei kennenlernte. Heute sind die Strapazen vergessen, die vor allem Sükru Yetken auf sich nehmen musste. Über Monate musste er nach seiner Arbeit als Dekorateur die Schulbank im Goethe-Institut in Izmir drücken.

Für rund 500 Euro Kursgebühr pro Monat lernte er Deutsch. „Fakt ist aber auch, dass mein Mann viel gelernt hat und hier in Deutschland darauf aufbauen kann,“ sagt die 1967 in der Türkei geborene Ehefrau, die sich nicht an der Schelte der soeben abgeschafften Sprachkurse beteiligen will.

Selda Tuncay, deutsche Ärztin in Gelsenkirchen mit türkischen Wurzeln, kritisiert die Sprachtests in der Türkei: „Wichtiger ist es, dass man in Deutschland Deutsch lernt.“ Als unangenehm fallen ihr eher die Einreiseschikanen für Türken auf. Selbst für Familienfeiern in Deutschland müsse ein Türke ein Visum beim deutschen Konsulat beantragen. Wie ihr Onkel, der dafür 800 Kilometer nach Ankara fahren musste. „Das kostet Zeit und Geld.“ Zudem müsse sich jeder Antragsteller alle möglichen Fragen stellen lassen. „Aber erst nach vierzehn Tagen weißt du, ob du ein Visum kriegst oder nicht.“

An manchen Problemen ändert das Urteil nichts

Viele türkische Unternehmer haben ähnliche Probleme. So müssen sie eine Geschäftsreise nach Deutschland mehrere Wochen im Voraus planen. Um einen Visumantrag zu stellen, müssen sie persönlich in Ankara, Istanbul oder Izmir erscheinen. Selbst ein bewilligtes Visum hat meist nur eine Dauer von wenigen Tagen oder Wochen. Doch an dieser Praxis ändert das aktuelle Urteil des EuGH nichts.

Enttäuscht über den Richterspruch aus Luxemburg zeigte sich Seyran Ates. Die Rechtsanwältin, die sich mit Integration und Gewalt in Zuwanderer-Familien beschäftigt, sagt: „Jedes Einwanderungsland macht Sprachtests zur Bedingung für Einwanderung. Nur in Deutschland ist es jetzt nicht mehr vorgesehen, dass Menschen ein Minimum an Sprachkenntnissen mitbringen?“

Kein Wunsch nach einer Parallelgesellschaft

Sprache sei für viele Frauen aus dem türkischen Milieu die einzige Möglichkeit, sich aus Zwangssituationen zu befreien. Zum Beispiel durch den Kontakt zum Arzt, den sie mit Deutschkenntnissen unbegleitet aufsuchen könnten. Viele Männer wollten nicht, dass ihre Frauen Kontakt zur Außenwelt hätten und hinderten sie daran, die Sprache zu erlernen. „Eine Parallelgesellschaft, aus der Menschen keine Chance haben herauszutreten, wollen wir nicht“, sagt Ates.

 
 

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