„Ein zweistelliges Ergebnisist realistisch“

Berlin.  Schon mittags kurz vor eins tobt der Saal. Parteichef Bernd Lucke hat die 1500 nach Berlin angereisten Mitglieder der Alternative für Deutschland (AfD) gerade um Entscheidung gebeten, ob die Anti-Euro-Partei bei der Bundestagswahl antreten soll. Und als Zeichen der Zustimmung springen die Euro-Gegner, überwiegend Anzugträger im mittleren und fortgeschrittenen Alter, von den Stühlen auf und skandieren minutenlang: „Jetzt geht’s los.“

Lucke, der jungenhaft wirkende, 50-jährige Wirtschaftsprofessor aus Hamburg, steht fast verlegen am Rednerpult. Dabei hat er als führender Kopf der neuen Partei doch selbst die Euphorie angeheizt: „Ein zweistelliges Ergebnis“ bei der Wahl sei für die AfD realistisch, hat er kurz vor dem Gründungsparteitag verkündet, die schwarz-gelbe Koalition habe einen „Denkzettel“ verdient.

Geordnete Auflösung

Die Stimmen soll das zentrale Ziel der neuen Partei bringen: „Die geordnete Auflösung des Euro-Währungsgebietes“, so steht es im Wahlprogramm, das der Parteitag beschließt. Als Alternative sollen nationale Währungen wie die DM wieder eingeführt werden oder kleinere Währungsverbünde. „Wenn der Euro scheitert, scheitert doch nicht Europa – dann scheitert Angela Merkel“, ruft Lucke unter dem Jubel des Parteitags. „Wir müssen den Euro auflösen, wenn wir wahre Europäer sind.“

Die Stimmung ist großartig, doch ganz so einfach ist die Parteigründung doch nicht. Stundenlang plagt sich der Konvent mit Satzungsänderungen herum, teilweise droht ein Chaos. Erst am späten Nachmittag ist die engste Parteiführung gewählt: Neben Lucke sollen die Leipziger Chemie-Unternehmerin Frauke Petry und der konservative Publizist Konrad Adam, einst Chefkorrespondent der „Welt“, der Partei ein seriöses Gesicht geben.

Führender Kopf aber ist Lucke, der 33 Jahre lang CDU-Mitglied war, bis er einen Appell von 300 Ökonomen gegen die Euro-Rettungspolitik anführte und frustriert erleben musste, wie Kanzlerin Merkel den Professorenrat ignorierte. 2011 verließ Lucke die CDU, jetzt schlägt der in Talkshows erprobte Ökonom zurück: „Euro-Blockparteien“ oder „erstarrte Altparteien“ nennt er Union, SPD, FDP und Grüne. Er wirft ihnen „Betrug“ vor und klagt, sie verletzten mit ihrer Euro-Rettungspolitik demokratische, rechtsstaatliche und ökonomische Grundsätze. Lucke wehrte sich auch gegen Vorwürfe, die AfD sei eine Ein-Themenpartei, und suchte die Truppe gegen den Vorwurf angeblicher Rechtstendenzen zu verteidigen: „Wir sind eine Partei neuen Typs, aus der Mitte der Gesellschaft, weder links noch rechts.“

Der Zulauf ist riesig. Über 7000 Mitglieder sind binnen weniger Wochen in die AfD eingetreten. Die fast 200 Bewerber um ein Dutzend Führungsfunktionen sind fast durchweg gut situierte Männer, überwiegend Akademiker. Fast 800 der Mitglieder kommen laut interner Statistik von CDU und CSU, rund 400 von der FDP, aber auch 360 von der SPD, 100 von den Piraten und 69 von den Grünen.

Erstarrte Systeme lockern

„Als Familienvater bin ich in Sorge, dass alles, was wir uns nach dem Krieg erarbeitet haben, durch eine verantwortungslose Euro-Rettungspolitik verspielt wird“, sagt etwa der Wirtschaftsjurist Hermann Behrendt. Der Elektrotechnik-Student Konstantin Kaufmann (23) sieht „eine Chance, in Deutschland die erstarrten Systeme zu lockern oder zu verändern“. Es herrscht beinahe Euphorie – die etablierten Parteien „haben Angst vor uns“, ruft Partei-Ko-Chef Konrad Adam. Aber wie groß sind die Chancen der Partei, überhaupt in den Bundestag zu kommen? „Das kann man heute noch lange nicht sagen“ meint Wahlforscher Matthias Jung von der Forschungsgruppe Wahlen. Obwohl Jung seit Monaten bei Umfragen auch nach der AfD fragen lässt, „kommen da praktisch keine Nennungen“. Immerhin, 17 Prozent der Wähler erklären, sie würden eine Partei wählen, die sich für den Austritt aus dem Euro einsetzt.

 
 

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