Ein Tag im Jahr 2025 in Nordrhein-Westfalen

Düsseldorf. Kluge Köpfe aus der Gruppe "Innovation, Bildung und Wachstum" der Zukunftskommission NRW haben sich Gedanken gemacht: Wie sollen wir künftig leben? Und wie sieht ein Tag in NRW im Jahre 2025 aus? DerWesten dokumentiert das Szenario eines Tages in der Zukunft.

Freitag, der 1. August 2025. Im schmucken Einfamilienhaus nördlich von Düsseldorf droht der Haussegen zu kippen. Thomas Müller, 47, sitzt mit seiner Frau Katrin und seiner jüngsten Tochter Lena am Frühstückstisch. Es ist kurz vor 8 Uhr und Lena nervt mal wieder.

Bildung am Frühstückstisch

Vorwurfsvoll hält die 15-Jährige den makellosen Apfel hoch: "Wo kommt der denn her – etwa aus Chile?", nölt sie. Lena besucht die 10. Klasse und hat eine neue Aufgabe aus ihrem Förderkurs ECO mitgebracht. Die Schüler sollen alle häuslichen Frühstücksprodukte auflisten und ihren "kritischen Radius" bestimmen – jenen geografischen Kreis, innerhalb dessen die Produktion und Distribution von Lebensmitteln ökonomisch sinnvoll und ökologisch vertretbar ist.

Bis eben noch fiel Lenas Radiusbilanz blitzsauber aus: Die Milch kommt aus dem Münsterland, das Brot aus dem Sauerland, die Eier vom Biobauern nebenan. Sämtliche Müllerschen Lebensmittel stammen aus NRW. Abgesehen vom Kaffee natürlich. Und von dem Apfel. "Der macht meine ganze Statistik kaputt", klagt Lena.

NRW ist Bildungsmeister

Über die Bananen in seinem Müsli schweigt Thomas sich an diesem Morgen lieber aus. Erstaunlich, was die Kinder heute über naturwissenschaftliche und wirtschaftliche Zusammenhänge wissen. So viel wussten Thomas und Katrin in ihrer Schulzeit nicht.

Lenas Schule ist amtierende Landesmeisterin im jährlichen Bildungsranking des Kultusministeriums. Seit Jahren schon dominieren Schulen aus NRW auch die deutschlandweite Rangliste und Lenas Schule hat gute Chancen auf den Bundessieg in diesem Jahr. Entsprechend anspruchsvoll ist der Lehrplan.

Neues Medienverhalten durch neue Technik

Der Zeiger der Küchenuhr springt auf acht, die kleine Multimedia-Anlage in der Ecke meldet sich. Katrin drückt die Fernbedienung – Zeit für die Nachrichten. Wie inzwischen mehr als 90% aller Haushalte, so verfügt auch Müllers Domizil außerhalb der Stadt längst über einen Glasfaseranschluss im ganzen Haus.

Katrin schätzt die neue Breitbandtechnologie sehr. Weckt eine Radiomeldung ihr Interesse, kann sie zeitgleich alle Hintergrundmaterialien inklusive Videos in 3D zum Thema abrufen. Dank sprachgesteuerter Software funktioniert der Service auch auf einfachen Zuruf vom Frühstückstisch aus.

Alzheimer kann geheilt werden

Heute lassen gleich zwei Nachrichten die 45-Jährige aufhorchen. Die erste stammt aus dem Bonner Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen: Endlich ist es gelungen, einen Wirkstoff zu entwickeln, der den Krankheitsverlauf von Alzheimer nicht nur aufhalten, sondern sogar umkehren kann. Die klinischen Tests sind abgeschlossen, das Medikament zugelassen, ein Pharmahersteller aus Leverkusen bringt es in Kürze auf den Markt.

Für Katrins Vater und 1,5 Millionen Mitbetroffene in Deutschland wäre das die Rettung. Um fast 50% ist die Zahl der Demenzkranken in Deutschland in den vergangenen 25 Jahren angestiegen. Das neue Präparat, so hofft Katrin, könnte der Durchbruch im Kampf gegen diese Volkskrankheiten sein.

Erster Fusionsreaktor der Welt

Auch die zweite Nachricht an diesem Morgen vermeldet einen Coup: Im Braunkohlegebiet zwischen Köln und Aachen erfolgt der erste Spatenstich für den ersten kommerziellen Fusionsreaktor der Welt. Der sich abzeichnende Erfolg des Prototypen ITER im französischen Cadarache hatte die Energieindustrie und das Land überzeugt – man wagte den Bau und zog ihn in Rekordzeit durch.

Das Demokraftwerk ist doppelt so groß wie sein Prototyp und soll bis zu 2 GW elektrische Leistung liefern, Land und Bund unterstützen das Projekt, die Technologie stammt aus der Bundesrepublik und sechs weiteren Ländern Europas. Bewährt sich der Reaktor, dürfte er schon bald zum Exportschlager erster Güte avancieren. Kann er doch große Mengen Energie aus Kernfusionsprozessen erzeugen. Als Treibstoff benötigt er nur einige Kilo Lithium und Wasser. Ein echtes Sonnenkraftwerk.

Technologie geht aus NRW in die Welt

Die ausländischen Delegationen jedenfalls, so erfährt Katrin aus dem rasch abgerufenen Begleitfilm, stehen bereits Schlange. Ähnliches hatte man im Rheinischen Revier vor einigen Jahren schon einmal erlebt. Damals gingen dort die ersten CO2-armen Braunkohlenkraftwerke ans Netz.

Lange wurde die Nutzung der heimischen Kohlevorkommen als klimaschädlich kritisiert. Seit 2020 wird das klimaschädliche CO2 aber bei der Stromproduktion im Kraftwerk abgeschieden und nach Norddeutschland gebracht, wo es in unterirdischen Speichern von der Atmosphäre ferngehalten wird.

Mit den ersten Demoanlagen in NRW konnte Deutschland damals Technologieführer für klimafreundliche Kohleverstromung werden. Da viele Länder der Welt auf den Energieträger Kohle setzen, hat sich die CO2- Abscheidung und –Speicherung zu einem Exportschlager entwickelt.

CO2 - das neue Wundermittel

Das CO2 wird aber nicht nur gelagert. Es dient auch als Nährstoff für Algen, die in großen Treibhäusern gezüchtet werden. Diese Algen sind vielseitig verwendbare Pflanzen. Lena ist überrascht, zu erfahren, dass auch ihre Hautcreme aus diesen Algen gemacht wurde. Aber auch Biotreibstoffe kann man aus den Algen gewinnen.

Katrin überfliegt noch kurz die Animation zur Funktionsweise der Kernfusion, dann wird es Zeit, zur Arbeit zu fahren. Normalerweise bricht Katrin später auf als ihr Mann, aber heute wartet ein wichtiger Termin auf sie.

Alles ganz entspannt: Arbeit und Freizeit

Die Müllers arbeiten wie früher rund 40 Stunden, jedoch nur noch an vier Tagen in der Woche. Ihr Arbeitsbeginn variiert je nach Bedarf – auch samstags und sonntags wird manchmal gearbeitet. Anfänglich tat sich die Familie etwas schwer, ihre unterschiedlichen Rhythmen zu koordinieren, doch inzwischen hilft ein computergesteuertes "Familienprogramm" bei der Organisation des Tagesablaufs.

Überhaupt läuft alles entspannter ab: Der morgendliche Berufsverkehr hat sich entzerrt, Freizeitangebote lassen sich flexibler nutzen, die neue Einkaufsmaxime "NRW durchgehend geöffnet" vermittelt das Lebensgefühl einer pulsierenden Metropole. Seither sehnt sich im Hause Müller niemand mehr nach der starren Fünf-Tage-Woche zurück.

Mitdenkende Metalle

Elektroingenieur Thomas arbeitet in der boomenden Material-Branche. Sein Unternehmen, vor zehn Jahren erst gegründet, hat sich auf mitdenkende Metalle spezialisiert und beschäftigt heute mehr als 4.000 Menschen weltweit.

Zu den Hauptkunden zählt die Automobilindustrie. Zahlreiche Komponenten der neuen Elektroautos sind bereits mit den intelligenten Metallen ausgestattet. Während des Booms, der auf die weltweite Rezession 2009/10 gefolgt war, stieg vor allem der Bedarf in China und Indien explosionsartig.

Elektroautos sind der Renner

Auch in Europa haben sich Elektroautos seit der Ölpreiskrise zum Verkaufsrenner entwickelt. Gleich zwei solcher Wagen hat Thomas Müller in seiner Garage stehen, einen größeren mit Zusatzdiesel-Aggregat für längere Fahrten und einen Cityhopper – rein elektrobasiert – mit einer Reichweite von 200 km.

Angeschlossen an das neue Starkstromnetz bilden die Autobatterien im Standbetrieb überdies den Netzpuffer für die erneuerbaren Energien – ein echter Zusatznutzen. Denn Bioenergie, Wind- und Wasserkraft decken inzwischen 30% des Energiebedarfs in NRW ab. Als Lena geboren wurde, waren es gerade mal 3%.

Wind, Wasser, Sonne: die Stromversorgung ist gesichert

Wenn jetzt neben den CO2-armen Kohle- und Gaskraftwerken auch noch mehr der neuen Fusionskraftwerke ans Netz gingen, überlegt Thomas, wäre die Stromversorgung des Landes für die nächsten Jahrzehnte gesichert. Zumal überall mit viel Innovation und Gehirnschmalz Energie eingespart wurde.

Zum weiter stetig wachsenden Anteil erneuerbarer Energien aus Energiemix tragen auch die in NRW etablierten Bioraffinerien bei, die aus Biomasse neben Energie auch innovative Vorprodukte mit hoher Wertschöpfung für die Chemieund Pharmaindustrie produzieren. Dabei treten sie nicht in Konkurrenz mit der Nahrungsmittelproduktion, sondern setzten auf "unverdaubare" Rohstoffe wie Zellulose oder Algen.

Gesparte Energie = volles Portemonaie

Die Erzeugung von Biogas und die Einspeisung in das Erdgasnetz sind genauso Selbstverständlichkeit geworden, wie die vielen kleinen Windräder auf den Dächern und die kleinen Blockheiz-Kraftwerke in den Kellern; mit deutlichen Auswirkungen auf die Kosten, denkt Herr Müller mit Blick auf seine letzte Energierechnung. Das neue Auto könnte man sich doch eigentlich leisten.

Der 47-Jährige liebäugelt seit geraumer Zeit mit dem Nachfolgemodell seines EAutos, denn dieses besitzt deutlich mehr kW. Doch seine Frau mag den alten Wagen, vor allem für längere Autobahnstrecken wie an diesem Freitag, an dem sie nach Dortmund fahren muss.

Katrin arbeitet in der Logistikbranche und hat heute ein wichtiges Gespräch mit Wissenschaftlern der Universität, die eine neue Softwarelösung zur Vernetzung von Logistikströmen entwickelt haben. Mit ihr, so versprechen die Experten, ließen sich die Kosten um mehr als 10% senken. Man wird sehen – einen Testlauf in einem Pilotprojekt wäre es allemal wert, denkt sich die Logistikerin.

Varus lockt Touristen ins Schlachtgetümmel

Sie ist schon fast aus der Tür, als der kleine Monitor auf dem Schreibtisch blinkt. Hannah, die Älteste, meldet sich per Videokonferenz aus dem Teutoburger Wald. Die 22-Jährige ist Event-Managerin bei einem lokalen Reiseveranstalter und organisiert erstmals die jährliche Varusschlacht.

Das Spektakel um den legendären Sieg des Cheruskerfürsten Hermann zählt längst zu den touristischen Hauptattraktionen in NRW und im angrenzenden Niedersachsen. 5.000 "römische Legionäre" aus aller Welt reisen jeden Sommer an, um bei dem Spektakel mitzumachen. Sie alle wollen untergebracht, verpflegt, eingekleidet werden – ein Höllenjob für Hannah, besonders wenn "die Römer" am Wochenende auf "die Germanen" treffen.

Das nachgestellte Schlachtengetümmel, damals zur 2.000-Jahr-Feier erstmals inszeniert, löste einen wahren Hermann-Boom aus und lockt seither Hunderttausende in das einst randständige Ostwestfalen.

Schlaue Haushaltsgeräte

Katrin versteht die Nöte ihrer Tochter. Trotzdem – die Zeit drängt, sie muss jetzt wirklich los. Lena und Thomas räumen noch schnell das Geschirr in die Spülmaschine und drücken den Startknopf.

Irgendwann im Laufe des Tages wird das Gerät anspringen – und zwar genau dann, wenn der Stromverbrauch ausgesprochen gering ist oder z.B. besonders viel Wind weht. Der neue "smarte" Stromzähler macht es möglich, den Verbrauch viel besser dem Stromangebot anzupassen.

Und da die Müllers genau sehen können, welches Gerät wie viel verbraucht, fällt auch die Entscheidung für energieeffiziente Hausgeräte viel leichter. Energieverschwendung gibt's im Haushalt Müller nicht mehr, aber das hatte Lena ja schon in ihrem letzten Schulprojekt festgestellt.

Nie wieder Stau

Zwar ist das Ruhrgebiet seit einigen Jahren nahezu staufrei und die berechneten Fahrzeiten aus dem Navigationsgerät treffen auf die Minute zu, doch genau das kann Katrin jetzt gerade gar nicht gebrauchen. Ankunftszeit 9:03 Uhr, verkündet der Computer gnadenlos, und ihr Meeting beginnt um neun. Es hilft nichts, Katrin muss sich der neuen Fahrsicherheit beugen. Während sie so – automatisch gelenkt – nach Dortmund fährt, schweifen ihre Gedanken noch einmal ab zu den Kindern.

Um Hannah ist es Katrin nicht bang, sie wird ihren Weg machen. Und Lena stehen als Jüngster und Wissbegierigster ohnehin alle Türen offen. Schon als Dreikäsehoch sog sie die Physikexperimente im Kindergarten auf wie ein Schwamm und die Schule hat ihr dank des breiten Fächerkanons auch schon solide Wirtschaftskenntnisse vermittelt. In zwei Jahren macht Lena Abitur. Sicher wird sie mal Wissenschaftlerin oder gründet sogar ihr eigenes Unternehmen.

E-Government: Verwaltungsbeamte bleiben zu Hause

Dann wandern ihre Gedanken zu Jan, dem Mittleren. Er hat einen etwas anderen Weg als seine Schwestern eingeschlagen. Jan ist im Bürgerbüro der Kölner Stadtverwaltung beschäftigt, arbeitet aber inzwischen an drei seiner vier Arbeitsage pro Woche von seinem häuslichen Telearbeitsplatz in der Eifel aus. Die vollständige Umstellung auf E-Government hat es möglich gemacht. Und so kann er sich am Ort neben seinem Job in zahlreichen ehrenamtlichen Projekten engagieren.

Gemeinnützige Dienste werden in NRW seit Längerem groß geschrieben und öffentlich unterstützt. Zurzeit gibt Jan Seminare für Senioren, die ihr Wissen in Kitas und Kindergärten an die Jüngsten weitergeben wollen. Katrin bewundert diese neue Solidarität. In ihrer Jugendzeit war es in der Gesellschaft noch wesentlich schlechter darum bestellt.

Frauen machen Karriere

Als gewaltigen Fortschritt wertet die dreifache Mutter auch die neue Flexibilität, die es ihr und vielen anderen Frauen erlaubt hat, problemlos in den Beruf zurückzukehren.

Nach Lenas Geburt konnte die Logistikexpertin nahtlos an ihre frühere Karriere anknüpfen. Ohne Zweifel profitierte sie dabei auch vom steigenden Bedarf an Fach- und Führungskräften in ihrer Branche.

Doch ohne die breitflächig ausgebaute, hochwertige Kinderbetreuung wäre ihr das Durchstarten weitaus schwerer gefallen. Seit in NRW Krippen, Kitas und frühkindliche Bildungseinrichtungen in ausreichender Zahl zur Verfügung stehen, gehört die "Kind oder Karriere"-Debatte früherer Tage endgültig der Vergangenheit an.

Wirtschaftsstandort NRW

Während ihr Wagen auf die rechte Spur wechselt, freut sich Katrin auf den Abend. Gegen halb acht will sie ihren Mann in Bochum treffen. Zum Einkaufen wird sie vorher wohl nicht mehr kommen, doch was soll’s. Viele Geschäfte in der Ruhr- Stadt haben rund um die Uhr geöffnet, da bleibt anschließend noch Zeit genug.

Erst einmal steht "La Traviata" auf dem Programm. Ob der neue Startenor aus China hält, was die Medien versprechen? Die Karten für das Festival-Highlight der diesjährigen Operntage hatte Thomas ihr zum Geburtstag geschenkt. Nicht gerade ein Schnäppchen – Katrin hat heimlich online die Preise abgerufen. Aber leisten können es sich die beiden Mittvierziger allemal.

Ihr Nettoeinkommen ist über die Jahre stetig gestiegen. Wie viele andere Mittelstandsfamilien der Region profitieren auch sie vom anhaltenden Wachstum des Wirtschaftsstandorts NRW.

Mitspracherecht durch Kapitalbeteiligung

Seit einigen Jahren ist Thomas Müller mit eigenem Kapital an dem Unternehmen beteiligt, für das er arbeitet – so wie seine Kollegen auch. Bereut hat er die Entscheidung nicht: Das ehemalige Start-up arbeitet hoch erfolgreich und zählt inzwischen zu den Top-Zulieferern am Markt.

Thomas ist die Beteiligung auch deshalb eingegangen, weil sie ihm und seinen Kollegen weitgehende Mitspracherechte ermöglicht. In vielen Unternehmen Nordrhein-Westfalens hat sich diese Art des Managements inzwischen durchgesetzt.

Private Altersvorsorge

Trotzdem haben die Müllers nicht alles in die Firma gesteckt, sondern noch zusätzlich für ihr Alter vorgesorgt. Einen Teil des Familienvermögens legte Katrin im steuerfreien Gründerfonds NRW an, ein völlig neuartiges Finanzprodukt mit guten Renditen von jährlich knapp 10% - rund 6% real und die restlichen 3% aus der Steuerbefreiung. Dass sie damals so rasch zugegriffen hat, erfüllt die 45-Jährige immer noch mit Stolz. Ihr Mann hätte länger gezögert.

Da meldet sich ihr Auto: Katrin Müller muss das Steuer jetzt wieder selbst übernehmen, die Ausfahrt ist nah und die Wissenschaftler warten sicher schon.

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