Ein neues Gesicht für Europas Hauptstadt

Foto: Caro

Brüssel. Brüssels EU-Viertel mit seinen Verwaltungspalästen gilt als hässlichste Gegend der Stadt - nun soll es sein Ghetto-Image abstreifen.

Am Wochenende werden die Bürgersteige hochgeklappt. Dann schließt Pierre seinen Sandwich-Laden, der Zeitungs-Kiosk macht dicht, der Irish Pub gegenüber der Kommission auch. Die Straßen sind wie leergefegt. Über drei Spuren führt die Avenue de Cortenbergh vorbei am Park zum Schuman-Kreisel und der führt zu den großen Gebäuden der EU, zu den Glaspalästen von Rat und Kommission, zum Europäischen Parlament. An fünf Tagen in der Woche wälzt sich eine Blechlawine über den Asphalt, am Wochenende kann man hier fast Rollschuh laufen.

Das Europaviertel in Brüssel atmet im Rhythmus der EU und wenn ihre Beamten, die Politiker und Bürokraten nach einer Arbeitswoche in ihre Heimat aufbrechen, hält es die Luft an. Es gilt als die hässlichste Gegend der Stadt, als trist mit seinen Straßenschluchten, seelenlos mit seinen Verwaltungsbunkern, mit seinen acht-, zehn-, zwölfstöckigen Kästen aus Beton und Glas – es gilt als Symbol für die gefühlte Distanz zwischen den EU-Machtzentralen und den 490 Millionen Europäern.

Neue Bürokomplexe entstanden

Jahrzehntelang hat sich niemand in der EU darüber Gedanken gemacht. Straßenzug um Straßenzug fraßen sich die Bagger durch das gutbürgerliche Wohnviertel, Jugendstilhäuser mussten den Bürokomplexen weichen. Die Planer in den EU-Institutionen genossen das laxe Baurecht des Landes und sie brauchten dringend Platz für eine immer größer werdende Union und ihre Verwaltung. 1965 waren es noch 3200 Kommissions-Mitarbeiter, die in Brüssel unterkommen mussten, mehr als 40 Jahre und einige Erweiterungsrunden später sind es mehr als 21 000. Ob sich die Glaspaläste in das Stadtbild und die Mitarbeiter in das Brüsseler Leben integrieren, war damals egal. Der Begriff „Bruxellisation“ wurde zum Fachbegriff in der Architektur – er steht für das Ruinieren einer vordem schönen Stadt.

Zwischen den Glaspalästen stehen noch einige Jugendstilhäuser; sie erinnern an die Zeit, als das EU-Viertel noch Leopold-Viertel hieß. Es entstand im 19. Jahrhundert und war eines der ersten, die außerhalb der mittelalterlichen Stadtmauern gebaut wurden – mit prächtigen Wohnhäusern entlang der großen Alleen. Wo heute die EU-Kommission sitzt, stand einst eine Klosterschule des Augustinerinnen-Ordens, der Stiftsdamen von Berlaymont. Nach ihnen nannte die Kommission ihr neues Gebäude. Es hat die Form eines asymmetrischen Kreuzes, die vier Flügel sind unterschiedlich groß und ruhen auf Pfeilern, vor dem Eingang flattern blaue Europafahnen, für jeden Mitgliedstaat eine.

Schlechtes Aushängeschild

Inzwischen hat die EU erkannt, dass das Europa-Viertel in Brüssel ein schlechtes Aushängeschild ist; wo Wärme und Leben fehlt, leidet auch das Image. „Wir wollen dem Viertel wieder ein menschliches Gesicht geben“, verspricht deswegen EU-Verwaltungskommissar Siim Kallas; seit Wochen tourt er durch die Stadt, um zusammen mit dem Ministerpräsidenten der Region Brüssel, Charles Picqué, seine Pläne zur Erneuerung des Europaviertels zu erörtern. Mehr Cafés und Restaurants, neue Wohngebäude, Geschäfte und Kulturzentren sollen kommen. Vielleicht könnte sogar ein neuer Tunnel die Boulevards von ihren Staus befreien. „Wir streifen endgültig das Image eines Verwaltungsghettos ab.“ Tatsächlich meiden die Einheimischen das EU-Viertel, zwar arbeiten rund 85000 Menschen in dem gut vier Quadratkilometer großen Stadtteil. Aber er zählt nur 15000 Einwohner. Es gibt wenige Cafés, kaum Geschäfte, nicht einmal einen Bäcker, die Mieten sind dennoch viel höher als in anderen Stadtteilen. Kallas spricht von „Parallelwelten“, die in Brüssel entstanden sind – doch anders als in Kreuzberg oder den Pariser Banlieus lebt hier eine Kaste von EU-Funktionären im größtmöglichen Komfort. Mittlerweile zerbrechen sich auch Ratsherren und Wissenschaftler die Köpfe darüber, wie die „Luxusimmigranten“ besser integriert werden können. Sie diskutieren über gemischte Kinderkrippen und Stadtteilfeste. „Der sozialen Zusammenhalt zwischen Eurokraten und den Einwohnern von Brüssel könnte durch Schulen oder Aktionen in der Nachbarschaft gestärkt werden“, schlägt Eric Corijn vor, Soziologe an der Freien Universität Brüssel. Tatsächlich haben Eurokraten ihre eigenen Schulen und Kindergärten, oft sogar ihre eigenen „Pubs“.

Viele Zweifeln, ob die Pläne der EU daran etwas ändern werden. Die Kommission hat bereits angekündigt, dass sie in den nächsten Jahren noch mehr Büros braucht, um mehr als tausend neue Beamte aus den Beitrittsländern aufzunehmen. Die Kommission soll sich auf wenige Standorte in größeren Gebäuden konzentrieren – das Europaviertel wird das kaum auflockern. Als im Brüsseler Kulturzentrum Bozar eine Ausstellung über das EU-Viertel lief, hatten die Macher deswegen einen radikalen Vorschlag: Am besten sei es, man reiße alles im Viertel ab. An anderer Stelle könne man ja wieder neu anfangen.

 
 

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