Ein Museum voller Staatsgeschenke

Richard Kiessler

Pjöngjang. Dass Lautsprecher in den Ohren seines koreanischen Begleiters angeblich wie Kirchenglocken klingen, erzählt Richard Kiessler am vierten Tag im nordkoreanischen Tagebuch.

Lautsprechergesänge wecken mich. Patriotische Klänge schallen durch die Straßenschluchten. Das geht so im Stundentakt. „Sie haben in Deutschland doch Kirchenglocken“, klärt mich Herr Lee auf, „bei uns wissen die Menschen aus den Lautsprechern, dass eine neue Stunde beginnt“.

Auf dem Programm steht heute das „Museum für Völkerfreundschaft“ rund 170 Kilometer nördlich von Pjöngjang. Wir werden also einen Blick ins Land werfen können, hoffe ich.

Wir passieren auf der schnurgeraden, heute Morgen nahezu leeren Autobahn, kilometerlange kultivierte Felder – jedes Fleckchen Erde ist bebaut. Dann wird die Landschaft üppig grün bewaldet mit gewaltigen, spitz zulaufenden Berggipfeln am Horizont.

Am Ende der Autobahn halten wir an einem Luxushotel. Es dient Staatsgästen oder den in Pjöngjang akkreditierten Diplomaten, die hier ohne Genehmigung hinfahren dürfen und ein Wochenende verbringen können. Doch das Hotel ist „aus technischen Gründen“ geschlossen.

Plüsch-Puschen ja, Kamera nein

Dann eine weitläufige Parkanlage, penibel gepflegt mit einem riesigen Bau am Ende der Allee – das „Museum für Völkerfreundschaft“. In diesem Prachtbau – so etwas gibt es wohl nur in Nordkorea – sind Geschenke ausgestellt, die der „Große Führer“ Kim Il Sung in seiner langen Amtszeit von 1946 bis 1994 als Mitbringsel bekam.

Wir müssen unsere Schuhe ausziehen, in unförmige schwarze Plüsch-Puschen schlüpfen, auch die Kameras werden eingesammelt – striktes Fotografierverbot.

Dabei wäre es so schön, auch nur einige der 225 135 Prachtstücke aus 183 Ländern im Bild festzuhalten.

Die blankpolierte schwarze, sechs Tonnen schwere Sil-Limousine von Stalin zum Beispiel oder das goldene, mit Diamanten besetzte Schwert von Gadaffi, die Kristallvase von Mitterrand, die auf Großfotos verewigten Giraffen des zimbabweschen Diktators Mugabe, die Silberschale der US-Außenministerin Albright oder die Maschinenpistolen der angolanischen Befreiungsbewegung.

Die Museumsführerin sagt uns, um alle Prachtstücke und Morgengaben anzuschauen, müssten wir über sechs Monate im Museum bleiben. Diese Zeit haben wir nicht, aber wir interessieren uns natürlich für Geschenke aus Deutschland. Im Angebot sind eine Nähmaschine, Marke „Freia“ des einstigen DDR-Ministerpräsidenten Otto Grotewohl, ein Kaffeeservice aus Meißner Porzellan, mit dem Erich Honecker seine nordkoreanischen Kollegen beglückte und ein Riesenplüschbär, den nicht näher definierte „Werktätige der DDR“ dem Diktator in Pjöngjang zum Kuscheln überlassen haben.

Alle Ausstellungsstücke, unter denen sich ausgesuchte Scheußlichkeiten jenseits der Geschmacksgrenze befinden, sind in zahllosen Sälen in illuminierten Vitrinen zu bestaunen.

Kim Il Sung in Wachs

Den Höhepunkt bildet ein Saal mit einem überlebensgroßen Kim Il Sung in Wachs vor einer blühenden Landschaft mit See und schneebedeckten Bergen. Als wir diese Hall of Fame betreten, setzt aus versteckten Lautsprechern weihevolle Musik ein. Unsere koreanischen Begleiter verneigen sich tief und voller Erfurcht vor dem „Großen Führer“. Die Kims seien „Gottesgleich“ hat mir ein westlicher Diplomat in Pjöngjang erzählt. Das ist nicht übertrieben.

Zu meiner Überraschung werden wir beim Verlassen des Museums zu einem weiteren Prachtbau geführt. Wieder gibt es Filzpantoffeln, um die kostbaren Marmorböden zu schonen. Jetzt bekommen wir die Staatsgeschenke für den Junior Kim Jong Il, inzwischen 69, präsentiert. Der „Geliebte Führer“, überlebensgroß in weißen Marmor gehauen und in einem wuchtigen Sessel thronend, hat es bis zum heutigen Tag auf exakt 59 058 Staatsgeschenke gebracht.

So isoliert, wie wir meinen, ist also Nordkorea nicht, will die Führung dieses bizarren Staates den ehrfürchtig anreisenden Betriebsgruppen oder Bustouristen vermitteln, darunter zahlreiche Chinesen. Die wollen einmal sehen, „wie es bei uns früher war“, erzählt mir lächelnd ein junger Mann aus Nanking.

Dass die langen Flure des Museums für Kim Jong Il’s Präsente tief in den angrenzenden Berg hineinführen, hat Spekulationen beflügelt, dass dort noch ganz andere Dinge vor sich gehen. Aber wer weiß das schon?

Unsere Gastgeber überraschen uns mit einem Picknick an einem rauschenden Gebirgsbach. Grillfleisch, Salate und Kimchi sowie Shrimps samt gekühlten Getränken sind aus der Hauptstadt mitgebracht worden.

Westliche Ausländer wie wir können in Pjöngjang nicht ohne Begleitung herumlaufen. Auch Taxis dürfen wir nicht nehmen. Doch in das Restaurant über dem staatlichen Kaufhaus „Paradies“ dürfen wir uns schon chauffieren lassen – im Dienstwagen der deutschen Botschaft und dann auch, zu unserem Erstaunen, ganz ohne führsorgliche koreanische Begleiter.

Wir treffen Volker Elösser aus Osnabrück, einem 40 Jahre alten deutschen Unternehmer, der in Nordkorea sein Glück sucht. Ja, so etwas gibt es.

Deutscher Investor findet bestens ausgebildete Mitarbeiter

Der an der Fernuniversität Hagen ausgebildete Informatiker betreibt seit 2007 in Pjöngjang eine private Software-Firma, gemeinsam mit einem koreanischen Partner. Schon seit 20 Jahren entwickelt Elösser Computerspiele. Jetzt produzieren 35 Angestellte, allesamt Universitätsabsolventen, für den europäischen Markt Computerspiele – rechtzeitig zur Fußball-WM ein aktuelles iPhone-Spiel.

„Einen Zugriff auf so viele gut ausgebildete junge Leute“, schwärmt der einzige in Pjöngjang tätige deutsche Investor „gibt es nirgendwo“.

Nur: Dass die Computerspiele in Nordkorea ersonnen werden, wissen oft nicht einmal die späteren Hersteller, geschweige denn die Kunden. Sie könnten es ja sonst mit der Angst zu tun bekommen, unterwandert zu werden . . .

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