Ein Mann über den Parteien

Berlin. Mit Joachim Gauck wollen SPD und Grüne die Koalition beschämen. Der Theologe ist der Gegentyp zum Lagerkandidaten Wulff. Der frühere Bürgerrechter genießt in allen Parteien hohes Ansehen. Im CDU-Vorstand nannte Kanzlerin Angela Merkel ihn eine „bemerkenswerte Persönlichkeit“.

Der Respekt erwächst daraus, dass er sich zu DDR-Zeiten als Bürgerrechtler engagierte und sich nach der Einheit einen Namen machte als Chef der Stasi-Unterlagenbehörde.

„Ich kann auch zählen“

Richtig bemerkenswert wäre es erst, wenn die Wahlfrauen und-männer am 30. Juni ihn zum Bundespräsidenten wählen würden. Gauck rechnet selbst nicht damit: „Ich bin Realist, ich kann auch zählen.“ Dass er verlieren könnte, beschwert den Theologen nicht sonderlich. Er gehe mit „fröhlicher Gelassenheit“ auf den 30. Juni zu, „es wird ein schöner Weg.“

Man sieht es ihm nicht an, aber Gauck ist schon 70 Jahre alt. Am Ende seiner Amtszeit wäre er fast 76. Eigentlich kommt er fünf Jahre zu spät. Und vielleicht antwortete er deshalb so bereitwillig mit „Ja“, als SPD und Grüne bei ihm anfragten, weil er genau wusste, dass der Kelch an ihm vorbeigehen dürfte.

Seine Nominierung macht zwei Prinzipien deutlich: Aus der Sicht von Rot-Grün, dass nach dem Köhler-Rücktritt nun ein überparteilicher Kandidat das richtige Signal wäre. Und aus der Sicht von Gauck selbst, dass es in diesem Staat nicht nur etablierte Politiker gibt, sondern dass er auch „von Netzwerken engagierte Bürger“ getragen wird. Von Leuten wie Gauck.

In den nächsten Wochen will er „gern zu den Liberalen und zu den Christdemokraten“ kommen. Natürlich könnte jetzt der eine oder andere Wahlmann ins Grübeln kommen, ostdeutsche zumal. Für die Linken ist Gauck wohl nicht wählbar. Parteichefin Gesine Lötzsch will „gründlich beraten, ob wir einen eigenen Vorschlag unterbreiten“.

 
 

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