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Ein langes Leben in der Lüge

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Foto: Einar Bangsund

Dortmund. 

. Von einem auf den anderen Tag war alles anders. Als er 19 Jahre alt war, wurde aus dem Deutschen Einar Sonntag der Norweger Einar Bangsund. Was der heute 66-Jährige vor 47 Jahren erfuhr, entdecken viele Schicksalsgenossen erst jetzt: Sie sind Lebensbornkinder.

Der Jugendliche fuhr zum Urlaub nach Norwegen. In seinem Geburtsort Tromsö wollte er sich eine Taufurkunde ausstellen lassen. Erst dort erfuhr er von seiner wahren Herkunft. Das Erschrecken darüber war gar nicht so groß. Einar Bangsund erinnert sich, dass er die neue Identität recht gelassen hinnahm. „Dann ist es eben so“, sagte sich der Jugendliche damals, ganz seiner preußischen Erziehung durch den Stiefvater entsprechend.

Wütend machte ihn, was er mit der Zeit erfuhr: die Ächtung der Mütter, die von ihren Familien verstoßen wurden, die Demütigung der Kriegskinder, die verächtlich „Deutschenbastarde“ genannt wurden, ihre gesellschaftliche Benachteiligung, die auch er selbst noch in den 60er-Jahren erfuhr. Weil es für einen wie ihn in Norwegen keine ordentliche Arbeit gab, fuhr er erst einmal zur See.

Im Rückblick spricht der Dortmunder von einer Zeit, in der er zur Besinnung kam. Es folgten Jahre der Aus- und Weiterbildung, Arbeit in der Psychiatrie und schließlich die Phase, in der er seine Wut über die Diskriminierung der Kriegskinder in Energie umwandelte: Er erforschte dutzende Schicksale, verworrene Lebenswege, drang auch zu seinen eigenen Wurzeln vor, fand seinen leiblichen Vater, einen Halbbruder, eine Halbschwester.

Eine eigene Familie gründete Bangsund nicht. „Nähe ist ein Problem“, sagt er und dass er sich nie vorstellen konnte, Kinder zu haben. Der Verein „Lebensborn“, dessen stellvertretender Bundesvorsitzender Bangsund seit wenigen Wochen ist, bietet auch psychologische Betreuung; hauptsächlich geht es aber um Hilfe bei den Nachforschungen zu den immer gleichen Fragen: Wo komme ich her?

Der Deutsche, den Bangsund bis zu seinem 20. Lebensjahr für seinen Vater gehalten hatte, war während der Besatzung als Wehrmachtssoldat in Norwegen stationiert gewesen. Nach dem Krieg zog die Familie nach Deutschland – im Gepäck die vielen Geheimnisse.

„Die Mütter schweigen“, sagt Bangsund, „sie setzen alles daran, die Geschichte zu vertuschen.“ Das erklärt, warum so viele Lebensbornkinder erst jetzt, mehr als sechs Jahrzehnte nach Kriegsende, die Wahrheit ihrer Herkunft, die Lüge ihres Lebens entdecken.

Viele wenden sich an Josef Focks. Der pensionierte Bundeswehroffizier, der für die Nato in Norwegen stationiert war, hat sich das Aufspüren von Vätern zur Aufgabe gemacht, Wehrmachtssoldaten, die im seit 1940 besetzten Norwegen Kinder zeugten.

12 000 Kriegskinder sind allein in Norwegen registriert, Einar Bangsund ist die Nummer 4728. „Wie viele es wirklich sind, weiß niemand und wird auch niemand je wissen“, sagt Josef Focks im Gespräch mit der WR. Von bis zu 200 000 Kindern in Frankreich ist die Rede, „Kinder der Schande“, wie es dort heißt. Aber selten wird es ausgesprochen. „In Frankreich und Holland redet bis heute niemand darüber“, sagt Josef Focks. Dabei wäre es wichtig, die vielen Klischees auszuräumen, das Menschliche hinter dem Kriegerischen zu sehen.

Norwegen sei ein „bettelarmes Land“ gewesen. Vielen der jungen Frauen, denen Landesverrat vorgeworfen wurde, weil sie „sich mit dem Feind einließen“, blieb nach Focks Erkenntnissen „gar nichts anderes übrig“. Und auch für die jungen Männer wirbt er um Verständnis: „Das waren 20- bis 25-Jährige, erstmals weg von zu Hause, nicht in der Obhut der Mutter.“ Oft sei Liebe im Spiel gewesen, oft auch eine dauerhafte Beziehung entstanden.

Eine Aufforderung an die Wehrmachtssoldaten, im besetzten Norwegen Kinder zu zeugen, hat es nach Focks’ Überzeugung „nie gegeben“. Er schließt auch systematische Vergewaltigungen aus, wie es sie in Russland und Polen gab. Hitler habe allerdings die Norweger wie die Holländer als „wertvolle Ergänzung unserer Rasse“ bezeichnet und SS-Führer Heinrich Himmler beauftragt, für die ledigen Mütter zu sorgen. Darauf gehe die Gründung des „Lebensborn“-Büros in Oslo und mehrerer Entbindungsheime in Norwegen zurück.

Focks kennt 1000 Schicksale bis ins Kleinste. Ehe er einen Suchauftrag annimmt, lässt er sich den Lebenslauf des Kindes beschreiben. Viele seien behütet aufgewachsen und konnten auch Karriere machen. Andere aber wurden beschimpft, gehasst und gedemütigt. „Unter den Augen ihrer Lehrer“, schildert Focks das Leiden eines Jungen, „pinkelten die anderen Jungs auf dem Schulhof auf ihn.“