Ein klares Jein vom Islam zur Demokratie

Essen. Im Westen ist die Vorstellung verbreitet, dass der Islam mit politischer Mitbestimmung, mit Rechtsstaatlichkeit, nicht zu vereinbaren sei. Das kommt nicht von ungefähr. Gut drei Viertel der mehrheitlich islamischen Länder waren 2000 Diktaturen.

Im Westen wird die islamische Welt vielfach als antimoderner, mehr oder weniger starrer Block betrachtet. Die Vorstellung ist verbreitet, dass der Islam als Religion mit politischer Mitbestimmung, mit Rechtsstaatlichkeit, nicht zu vereinbaren sei. Eine Vorstellung, die nicht von ungefähr kommt. Gut drei Viertel der mehrheitlich islamischen Länder waren 2000, so der Heidelberger Politik-Professor Wolfgang Merkel, Diktaturen.

Doch die Frage, ob der Islam als Religion Demokratie zu­lässt oder ausschließt, beantwortet der Islam-Kenner Peter Hünseler, Geschäftsführer der Arbeitsstelle für den christlich-islamischen Dialog der Deutschen Bischofskonferenz (Ci­bedo), nicht mit einem Ja oder Nein. „Das kann man nicht grundsätzlich beantworten. Denn es kommt auf die Auffassung an, darauf, wie man den Koran liest“, sagt er. „Es gibt einige Rechtsgelehrte, Fundamentalisten, die sagen, Demokratie und Islam schließen sich aus.“ Sie argumentierten, Gott habe – im Koran festgeschrieben – eine bestimmte Lebensweise vorgeschrieben und die sei nicht durch Mehrheitsverhältnisse zu ändern.

Alkohol-Verbot kann nicht demokratisch abgewählt werden

Beispielsweise argumentierten sie: Die Scharia hat festgelegt, dass ein Mann vier Frauen heiraten darf – darüber kann keinesfalls demokratisch abgestimmt werden. Oder das Alkohol-Verbot: Es ist von Allah vorgeben, auch das kann nicht demokratisch abgewählt werden. Diese Auffassungen würden etwa Wahabiten in Saudi-Arabien vertreten, die Taliban oder auch sehr strenge Koran-Schulen in Pakistan.

„Aber das sind extreme Auslegungen, es gibt daneben auch andere“, so der Experte. Diese liberalen Rechtsgelehrten gingen nicht davon aus, dass die Vorschriften im Koran allezeit unabänderlich gültig seien, „sondern dass sie sinngemäß ins Heute transportiert werden müssen“. Er weist zudem darauf hin, dass es Stellen im Koran gebe, in denen Demokratie und Islam überhaupt keinen Gegensatz bildeten. „So steht das Prinzip der Konsultationen dem Islam sehr nah“, erklärt Hünseler. „Das stammt aus der Beduinengesellschaft, die zur Zeit Mohammeds herrschte. Und die Beduinengesellschaft war keine Diktatur.“ Ein Scheich habe sich damals immer wieder durch die Führung der einzelnen Beduinenstämme legitimieren lassen müssen. „Da finden wir schon so etwas wie demokratische Ansätze.“

„Ankarener Schule“ lehrt einen zeitgemäßen Islam

Einen Gegenpol zu den dogmatischen, fundamentalistischen Islam-Gelehrten bildeten die der „Ankarener Schule“. Sie lehrten einen Islam, der den Koran zeitgemäß in­terpretiere. „Sie sehen den Ko­ran als göttliche Botschaft, die in einem bestimmten Zeitraum als göttlicher Rat mitgeteilt wurde. Die Ankarener ver­stehen diesen göttlichen Rat als zeitgeschichtlich, nicht als für alle Zeiten unabänderliches Wort Gottes.“

Soweit der Islam. Für das Christentum, urteilt Hünseler, sei die Demokratie eine besonders geeignete Staatsform, „weil in ihr die unantastbare Würde des Menschen, die aus seiner Gottesebenbildlichkeit erwächst“, im Zentrum stehe: „,Die Würde des Menschen ist unantastbar.’ So fängt unser Grundgesetz an. Daraus folgt eine klare Verpflichtung, die Demokratie mitzugestalten und zu verteidigen.“

Die Bibel allerdings sage nichts zu einer bestimmten Regierungsform aus. „In der Heiligen Schrift heißt es: ,So gebet dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist.’ Das begründete die Zwei-Schwerter-Theorie: Staat und Kirche existieren nebeneinander, die Kirche redet dem Staat nicht hinein.“ Insgesamt käme das Christentum mit seinem Gewaltverzicht der De­mokratie sehr nahe. Aber die Kirche, so Hünseler, habe bis zu dieser Erkenntnis einen langen Weg zurückgelegt.

Die Rolle der Frau

Ob der Islam als Religion indes die Integration der Muslime in eine demokratische Gesellschaft fördert oder erschwert, lasse sich nicht grundsätzlich beantworten, sagt Hünseler. „Das, was Integration von Muslimen erschwert, sind meist andere Dinge als religiöse. Es sind lokale Traditionen.“ So seien Ehrenmord oder Zwangsheirat keine religiösen Überzeugungen, „sondern sie erwachsen aus lokalen Traditionen“.

Als Integrations-hemmend allerdings sieht er Stellen im Koran, in denen es um die Rolle der Frau geht und um Gewaltanwendung. „In der Scharia steht, dass eine Aussage der Frau nur halb soviel wert ist, wie die des Mannes. Zwei Frauen müssen die Aussage eines Mannes widerlegen.“ Dazu gehörten auch Stellen, in denen stehe, dass der Mann die Frau schlagen darf. „Diese Aussagen sind letztlich nicht geklärt.“

Für die Ankarener Schule an der Uni von Ankara seien dies Aussagen, die in ei­nem his­torischen Kontext of­fen­bart worden seien. Die Is­lam­verbände hier hingegen sei­en sehr konservativ. „Sie müssen das klären“, fordert Hünseler. Die breite Masse der Muslime hier habe diese Fragen jedoch längst geklärt – pragmatisch in Übereinstimmung mit den Verhältnissen hierzulande.

 
 

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