Ein Jahr Bundespräsident - Ruhe ist Wulffs erste Pflicht

Christian Wulff ist seit einem Jahr Bundespräsident. Der Großteil der Bürger schätzt ihn, aber 80 Prozent vermissen ein Wort zu aktuellen Fragen. Wieviel Biss darf ein Präsident haben? Die Antwort steht nach dem ersten Jahr noch aus.

Berlin. Ehe sich Christian Wulff versah, ist er bereits ein Jahr Bundespräsident. Die meisten Bürger schätzen ihn, 83 Prozent laut einer Umfrage. Ehefrau Bettina findet es positiv, „dass er nicht zu allem etwas sagt und sich nicht überall einmischt“. Das sehen die Bürger anders. 80 Prozent vermissen ein Wort zu aktuellen Fragen. In den Parteien wird schon wieder gemunkelt, nicht wie bei Vorgänger Horst Köhler über ungebetene Ratschläge, sondern über das sprachlose Staatsoberhaupt. Warum hält der Präsident keine Rede zur Eurokrise, zum Atomausstieg?

Die Vorwürfe gehen an Sache und Amt vorbei. An der Sache, weil es sich um Themen handelt, bei denen Wulff neutral sein soll. Er hat die Gesetze zu Atom oder Euro zu unterschreiben und zu prüfen; darf nicht befangen sein. Am Amt(sverständnis), weil er weder der Schiedsrichter im Parteienstaat sein möchte (wie Köhler) noch der Republik einen Ruck geben will (wie Herzog). Gestalten – sollen andere. Sie ringen sich zu Rettungsschirmen durch, er zu Schirmherrschaften.

Unverkrampft und tadellos

Ein Land braucht jemanden, um Staat zu machen, um Orden zu verleihen, Gäste zu empfangen, Zivilleistungen zu würdigen; jemand, der es unverkrampft, tadellos im Ausland vertritt. Wie Wulff in Israel oder in der Türkei. Dem 52-jährigen Präsidenten fällt das Repräsentieren leicht.

Wulff umgibt sich gern mit Menschen, freut sich, dass er nicht mehr wie früher als CDU-Politiker auf jede Nachricht reagieren muss. Er genießt die vielen Kontakte, das Ansehen, die Begegnungen mit Künstlern, die Aufmerksamkeit der Bürger, fast 70 000 Briefe und Mails in einem Jahr. Wie noch jeder Vorgänger staunt er darüber, wieviel Außenpolitik zu der Aufgabe dazugehört. Die Stimmung im Präsidialamt ist gut, die Zeit der Indiskretionen zu Ende, auch weil sich Wulff im Umgang mit den Mitarbeitern auf Gesten versteht. Neulich strahlten sie alle, als er mittags in die Kantine zum Essen ging.

Neues Stilempfinden im Schloss Bellevue

An den Details erkennt man das neue Stilempfinden, den neuen Geist in Schloss Bellevue. Die Weihnachtsansprache hielt er vor Kindern. Den japanischen Kronprinzen überraschte er mit einer Redensart aus dessen Heimat. Nach Israel ließ er sich von seiner Tochter begleiten; was angenehm auffiel. Für die „Berliner Rede“ drängte er sich nicht auf, die Bühne überließ er seinem polnischen Kollegen Bronislaw Komorowski, zu dem die Familie Wulff eine fast private Freundschaft unterhält.

Er ist im Amt angekommen und erleichtert darüber, dass ihn die Patzigkeiten im letzten Sommer nicht mehr verfolgen. Damals hatte er in der Anlage eines Finanzjongleurs Urlaub gemacht – delikat – und sich zweimal aus dem Fenster gelehnt, als er sich über Duisburgs OB und den Fall Thilo Sarrazin unverblümt äußerte, sich angreifbar machte.

Wulff hat Anliegen – den Mut zum Wandel, die Zukunft der Demokratie, den Zusammenhalt der Gesellschaft – aber in erster Linie ist er bestrebt, keine Fehler zu machen. Ruhe ist die erste Pflicht, die sich der erste Mann im Staat selbst aufgab. Auch seine Frau nimmt sich zurück.

Nur ein einziger Satz hallt nach

Und so kommt es, dass Wulffs Reden zwar einen 400 Seiten dicken Band füllen, aber dass nur ein einziger Satz nachhallt. Der fiel bereits am 3. Oktober. Da erklärte der Präsident, dass der Islam auch zu Deutschland gehöre. Damals hat der erste Mann im Staat Widerspruch kassiert. Soll das etwa nicht wieder vorkommen? Danach trat er jedenfalls merklich leiser auf.

Wulff wartet auf den richtigen Zeitpunkt, den passenden Anlass, die ideale Einladung oder Reise. Er ist geduldig, hat sich auch genau angeschaut, wie seine Vorgänger im ersten Jahr agiert haben. Sie haben alle erst später Akzente setzen können. Zeit hat Wulff ohnehin mehr als alle anderen. Er ist der jüngste Präsident, und seine Frau lässt sich auf Fragen nach einer zweiten Amtszeit ein. Sie haben sich was vorgenommen.

 
 

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