Ein Ex-Leibwächter wird Premier in Bulgarien

Von Yuri Velev
Foto: AFP

Sophia. Bojko Borissow ist ein Hüne. Er war Leibwächter und Feuerwehrmann, hat einen Schwarzen Gürtel - und wird nächster Premierminister von Bulgarien. Der Mann mit den breiten Schultern ist mit Abstand der beliebteste Politiker im Land.

Seine Tränen, so heißt es, können Krebs heilen. Es gibt nur ein Problem: Er weint nie. Von dieser Art sind die Anekdoten über den Mann, der demnächst vermutlich Bulgarien regiert. Bojko Borissow, Bürgermeister von Sofia und Chef der populistischen GERB-Partei, ist aus den Parlamentswahlen am Sonntag als strahlender Sieger hervorgegangen. „Er kommt nicht von links, er kommt nicht von rechts“, sagt der bulgarische Politik-Wissenschaftler Iwan Krastew. „Er kommt von unten.“

Die Zeiten des schwarzen Ledermantels sind vorbei

Das sieht man, auch wenn BB heutzutage nicht mehr ständig im langen schwarzen Ledermantel herumläuft wie zu den Zeiten, als er dem letzten kommunistischen Machthaber Todor Schiwkow und, nach dem Sturz des Sowjetimperiums, dem Ministerpräsidenten Simeon Saks-Coburgotski als Leibwächter und General im Kampf gegen das Verbrechen diente. Borissow ist ein Hüne von Gestalt, ausgebildet als Feuerwehrmann und Besitzer des schwarzen Karate-Gürtels. Tiefe Stimme, kurze Haare, breite Schultern – für den hätten sie auch in Hollywood Verwendung, nicht unbedingt auf Seite der Gesetzeshüter.

Borissow ist der mit Abstand beliebteste Politiker des Landes. Zwei Millionen Bürger hätten sich schon mit ihm ablichten lassen, prahlt der 50-Jährige. Auf der Straße laufen die Kinder herbei, um seine Muskeln zu befühlen. Dass Borissow Charisma musste auch sein Hauptgegner anerkennen, der bisherige Ministerpräsident Sergej Stanischew von der sozialistischen BSP. Und er weiß, wie man die Medien für sich einspannt, vor allem das Fernsehen Borissows Angebot, sich jederzeit zu jedem beliebigen Thema vor der Kamera zu äußern, hat ihm den Ruf eines durch nichts und niemanden zu beeindruckenden Einzelkämpfers eingebracht, der Probleme nicht umständlich aufdröselt, sondern die Lösung auf direktem Wege sucht. Das hat den Leuten mehr imponiert als der redlich, aber etwas bubihaft wirkende Stanischeww.

Borissow verspricht, mit dem Übel Nummer eins aufzuräumen, das dem Jungmitglied Bulgarien in der EU ein besonders schlechtes Image eingetragen hat: Korruption und organisierte Kriminalität. Dutzende nie aufgeklärter Morde im Mafia-Stil, verschwundene EU-Millionen, ein hilfloser, wenn nicht gar beteiligter Polizei- und Justizapparat – Nachrichten dieser Art haben darüber hinaus den Ruf des gesamten Projekts Osterweiterung ramponiert. Borissow bemüht sich dagegen besonders um Anerkennung im europäischen Haus, wo die christdemokratische Europäische Volkspartei ihn und seine Gefolgschaft in ihre Reihen aufgenommen hat.

Kumpel-Verhältnis mit zwielichtigen Figuren?

Gern reicht er ein Foto herum, das ihn an der Seite von Angela Merkel zeigt. Bei einem Gipfel der konservativen Partei- und Regierungschefs trug er die Tischrede der Kanzlerin Wort für Wort in sein Notizbuch ein. GERB steht für „Bürger für eine europäische Entwicklung Bulgariens“. Noch zirkuliert freilich auch ein Artikel der US-Zeitschrift „Congressional Quarterly“, der Borissow ein Kumpel-Verhältnis mit zwielichtigen Figuren vorwarf. Solche Verdächtigungen weist er ebenso zurück wie die Warnung seiner Gegner vor einer „Mutrisation“ („Mutra“ = Rabauke) der Gesellschaft, wenn die GERB erstmal regiere.