Duisburg kannte die Gefahr

Gudrun BüscherHayke Lanwert

Essen. Bereits vier Wochen vor der Loveparade hat das Duisburger Amt für Baurecht massive Einwände gegen das vorgelegte Sicherheitskonzept erhoben. Das geht aus einem Sitzungsprotokoll hervor, das dieser Zeitung vorliegt. Da­nach mussten die Sicherheitsbedenken auch dem Duisburger Oberbürgermeister Adolf Sauerland (CDU) im Detail bekannt gewesen sein – entgegen bisherigen Aussagen.

Dies geht aus dem Verteiler hervor, der auf dem Protokoll eines Gespräches vom 18. Juni vermerkt ist und das Kürzel OB trägt. Ein Verweis darauf, dass Sauerland das Dokument zugeleitet wurde. Der Oberbürgermeister sagte der WAZ am Abend, dass am Ende alle Sicherheitsdenken ausgeräumt gewesen seien. Es habe keine Einwände mehr gegeben, heißt es im Abschluss-Protokoll der Verwaltung.

In dem Sitzungsprotokoll, das intern an Stadtbaudezernent Jürgen Dressler gerichtet ist und eine Sitzung mit dem Loveparade-Veranstalter Lo­pavent, der Feuerwehr, dem Ordnungsamt und Ordnungsdezernenten Wolfgang Rabe zusammenfasst, ist der Streit um die Fluchtwege dokumentiert. Lopavent wehrte sich demnach gegen die Vorschrift, bei 220 000 Besuchern 440 Meter Fluchtwege nachweisen zu müssen. Der Veranstalter bestand auf 155 Meter Fluchtweg, da es nach seiner Erfahrung „ausreichend sei, wenn ein Drittel der Personen entflüchtet werden können.” Aus dem Schriftstück geht weiter hervor, dass Ordnungsdezernent Rabe massiven Druck ausübte. „Herr Rabe stellte ... fest, dass der OB die Veranstaltung wünsche und daher eine Lösung gefunden werden müsse“, so das Protokoll. Rabe forderte vom Bauordnungsamt, das Kontrollfunktion hat, „konstruktiv mitzuarbeiten“.

Auch die Rolle von Panikforscher Michael Schreckenberg kommt zur Sprache. Nach Aufforderung von Rabe sollte am 21. Juni von den Ämtern und der Feuerwehr ein Fluchtwegekonzept er­arbeitet werden. Dieses sollte Schreckenberg vorgelegt werden. Wenn er es „absegnet”, so Rabe, „soll dies für eine Genehmigung bei 62 (Bauamt, d. Red.) reichen.”

Baudezernent Dressler kommentierte das Schreiben später handschriftlich: „Ich lehne aufgrund dieser Problemstellung eine Zuständigkeit und Verantwortung ... ab. Dieses entspricht in keinerlei Hinsicht einem ordentlichen Verwaltungshandeln ...“.

Tatsächlich genehmigte die Stadt Duisburg am 21. Juli, kurz vor der Loveparade, die veränderte Nutzung des Güterbahnhofgeländes mit reduzierten Fluchtwegbreiten und verzichtete auf Feuerwehrpläne. Ganz so wie Lopavent es gewünscht hatte, wie Dezernent Rabe es durchsetzte. Auch diese Genehmigung liegt dieser Zeitung vor.

Schreckenberg bestätigte gestern, dass ihm für die auf 155 Meter reduzierten Fluchtwege eine Computer-Simulation von Hubert Klüpfel der Duisburger Firma Traffgo HT vorlag. Klüpfel, der bei Schreckenberg promovierte, befand die die Fluchtwege als ausreichend. Schreckenberg: „Die Simulation er­schien mir plausibel“. Von Lopavent gab es keine Stellungnahme.