Düsseldorfs neuer OB Thomas Geisel ist der Star der NRW-SPD

Der Ex-Manager will neuen Politikstil für Düsseldorf: Konsens statt Hochmut. Schulden sind in der Landeshauptstadt kein Tabuthema mehr. Selbst über Fracking denkt Thomas Geisel laut nach. Der abgewählte OB Dirk Elbers (CDU) könnte übrigens noch mehrere Monate im Amt bleiben.

Düsseldorf. Am Tag nach dem großen Coup und nach nur vier Stunden Schlaf ist der Sieger etwas müde: Thomas Geisel (50), der neue Star der NRW-SPD, ein Langstreckenläufer, muss durchatmen. Im Endspurt um das Düsseldorfer Rathaus hatte er am Abend davor seinen CDU-Konkurrenten Dirk Elbers überraschend klar abgehängt. Man könnte auch sagen: deklassiert.

Nach dem Sieg ist vor der Arbeit, und die dürfte mit einem bunt gemischten Düsseldorfer Rat anstrengend werden. „Einfacher wäre es mit einer ,Ampel’ als Basis für Mehrheiten im Rat“, sagt Geisel dieser Zeitung. Wichtige Fragen sollten künftig möglichst im Konsens entschieden werden. „Das schließt die CDU mit ein“. Dennoch will er der Chef im Hause sein: „Ich beanspruche die Führung.“

Nach dem alten Rathaus-Chef gefragt, fallen Geisel schnell Begriffe wie „Arroganz“ und „Standesdünkel“ ein. So wie sein Vorgänger will der neue OB nicht sein. Keiner, der auf die armen Nachbarn zeigt („Sie verlassen den schuldenfreien Sektor“) und keiner, der im Revier „nicht tot überm Zaun hängen“ will. „Diese ,Eure-Armut-kotzt-mich-an-Attitüde’, mag ich nicht“, sagt Geisel.

Schulden können auch für Investitionen dienen

Für den gebürtigen Schwaben („Ich bin fleißig, diszipliniert, aber kein Asket“) ist die Schuldenfreiheit der Landeshauptstadt kein Selbstzweck. Zum einen, weil sich hinter den schwarzen Zahlen viel „Bilanzkosmetik“ verberge. Zum anderen, weil eine Kreditaufnahme mitunter eine „rentierliche Investition“ sein könne. Geisel: „Wenn wir Wohnraum schaffen, bedienen wir die Nachfrage der Bürger, schaffen Werte und erzielen Erträge, die möglichst die Zinslast decken. Wenn wir in Schulen investieren, gibt es zwar keine unmittelbare Rendite, aber Düsseldorf braucht gut ausgestattete Schulen.“ Extrem hohe Kosten kämen auch durch die Unwetter-Schäden auf die Landeshauptstadt zu.

Beim Streit-Thema „Fracking“ traut sich Geisel, der für die Ruhrgas AG/Eon tätig war, eine vom Mainstream abweichende Meinung zu. Gerade den Grünen dürften bei solchen Sätzen die Ohren klingeln: „Wenn Fracking gefährlich ist, dann sollten wir es lassen. Aber wir wissen im Moment noch nicht , ob es Teufelszeug ist. Es müssen noch viele Fragen dazu geklärt werden.“

Geisel hat „keine Berührungsängste mit dem bürgerlichen Milieu“

Der frühere Energiekonzern-Manager Geisel rät seiner Partei dazu, „die Breite der Gesellschaft“ abzudecken, um bundesweit wieder in die Erfolgsspur zu kommen. „Die SPD muss als Volkspartei repräsentativ sein. Es ist wichtig, sich auch mal aus unseren Milieus herauszubewegen und woanders für uns zu werben.“ Er selbst habe keine Berührungsängste mit dem bürgerlichen Milieu. Und mit Geringverdienern sitze er natürlich auch gern an einem Tisch. Ein „OB für alle“ will Geisel sein. Den habe es nämlich lange nicht gegeben in der Metropole am Rhein. „Wir sollten das alte Lagerdenken, das Freund-Feind-Schema überwinden“, findet er.

Bleibt der abgewählte Düsseldorfer OB noch zweieinhalb Monate im Amt?

Wie jetzt bekannt wurde, könnte der Machtwechsel in Düsseldorf nach der deutlichen Wahlniederlage von Oberbürgermeister Dirk Elbers (CDU) noch zweieinhalb Monate auf sich warten lassen. Die Amtszeit von Elbers dauere sechs Jahre - und habe am 2. September 2008 begonnen, bestätigte ein Sprecher der Düsseldorfer Bezirksregierung als Aufsichtsbehörde Medienberichte. Elbers hatte zwar einem vorzeitigen Wahltermin gemeinsam mit der Europawahl am 25. Mai zugestimmt, war aber nicht von seinem Amt zurückgetreten. Zum jetzigen Zeitpunkt sei ein Rücktritt in der Gemeindeordnung nicht vorgesehen, hieß es bei der Bezirksregierung.

Elbers müsse bis zum 1. September im Amt bleiben, bestätigte auch dessen Sprecherin Natalia Fedossenko. Demzufolge müsste der mit 59,2 Prozent neu gewählte Oberbürgermeister Thomas Geisel (SPD) geschlagene zweieinhalb Monate warten, bis er die Amtsgeschäfte übernehmen kann. Der neu gewählte Düsseldorfer Stadtrat soll am 3. Juli erstmals zusammenkommen.

Geisel könnte in der SPD noch richtig durchstarten

Siegertypen wie Thomas Geisel kommen der NRW-SPD gerade recht. Es wäre nicht das erste Mal, dass ein SPD-Oberbürgermeister eine große Karriere in der Landespolitik hinlegt. „Die meisten bleiben zwar auf der kommunalen Ebene, aber ein Rathaus in einer Landeshauptstadt kann gerade für Sozialdemokraten ein Sprungbrett sein“, sagte der Politikwissenschaftler Karl-Rudolf Korte (Uni Duisburg-Essen) dieser Redaktion. Korte erinnert an den früheren Münchener OB Christian Ude, der SPD-Spitzenkandidat für die bayerische Landtagswahl 2013 war, an den niedersächsischen Ministerpräsidenten Stephan Weil (SPD, vorher Oberbürgermeister in Hannover) und an Torsten Albig (SPD-Ministerpräsident in Schleswig-Holstein, vorher Oberbürgermeister in Kiel). (mit dpa)

 
 

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