Dürre: Wie Natalia Wörner den Menschen in Äthiopien hilft

Die Schauspielerin Natalia Wörner ist seit 2006 Botschafterin der Kindernothilfe. Sie ist nach Äthiopien gereist, um sich einige Projekte anzusehen.
Die Schauspielerin Natalia Wörner ist seit 2006 Botschafterin der Kindernothilfe. Sie ist nach Äthiopien gereist, um sich einige Projekte anzusehen.
Foto: Frank Rothe
In Äthiopien herrscht die schlimmste Dürre seit Jahrzehnten. Unterstützung kommt unter anderem von der Schauspielerin Natalia Wörner.

Addis Abeba..  Der Ort, den sich Natalia Wörner für die Begegnung mit den Kindern ausgesucht hat, ist heiß und liegt in der Wüste. Eine holprige Schotterpiste führt von der Straße aus links hinein in das staubige Grau der Afar-Region im Nordosten Äthiopiens. 45 Grad, kein Schatten.

Mitten im Nichts, zwischen ein paar Kamelen und kleinen, runden Hütten, einem braun-schlammigen Tümpel und verdorrten Büschen steht ein weißes Zelt, ein einfaches Gerüst, bespannt mit luftdurchlässiger Plane. Die Kindernothilfe hat es gekauft. Es ist die mobile Schule des Nomaden-Clans, der hier seit einigen Wochen lebt. Wenn der Tümpel ausgetrocknet ist, ziehen sie weiter, das Schulzelt kommt dann mit.

Staunende Kinderaugen schauen Natalia Wörner an

Natalia Wörner, seit 2006 Botschafterin der Kindernothilfe, hat ihre Flip Flops vor dem Zelt ausgezogen und sich innen auf den Boden gesetzt. Auf die bunten Plastikstühlen in Rosa, Grün und Blau passen nur die Kinder. Hier ist die 49-Jährige nicht Schauspielerin und auch nicht die neue Freundin des deutschen Bundesjustizministers Heiko Maas, sondern die große Frau mit der hellen Haut, die von den Kindern mit großen, mal staunenden, mal ein bisschen ängstlichen Augen angestarrt wird.

Wörner, die durch Rollen in Filmen wie „Die Säulen der Erde“ (2010) und „Die Kirche bleibt im Dorf“ (2012) bekannt wurde und aktuell in der TV-Reihe „Die Diplomatin“ zu sehen ist, besucht eines der Projekte der Kindernothilfe, die sie unterstützt. Hören, was die Menschen beschäftigt. Fragen, was sie brauchen. „Es ist ein riesiger Unterschied, ob ich von den Projekten höre oder selbst dort bin“, sagt sie. Deshalb sitzt die Schauspielerin bei dieser Hitze in einem langen Kleid, ein Tuch auf dem Kopf, auf dem staubigen Boden in der äthiopischen Wüste und hört zu.

Aisha steht an einer Seite des Zeltes. Die Elfjährige liest Buchstaben vor, die auf ein Stück Stoff gedruckt an der Wand hängen. Das äthiopische Alphabet. Als sie fertig ist, klatschen die anderen Kinder, es sind etwa 35, und Aisha lächelt ein bisschen stolz. Taye, acht Jahre alt, ist aufgestanden und zu einem anderen Stück Stoff an der Zeltwand gegangen. Darauf: Tiere. Der Junge liest vor, die Klasse spricht im Chor nach. „Reyta“ – Ziege. „Aguru“ – Stier. Natalia Wörner hat mit ihrem Smartphone Fotos und Videos gemacht. Aisha kichert und hält sich verschämt die Hand vor den Mund, als sie sich auf dem Display erkennt. Die meisten der Kinder haben sich noch nie auf einem Bild gesehen.

Die äthiopische Regierung blockiert Hilfe von außen

Natalia Wörner weiß, dass sie mit ihrer Bekanntheit helfen kann, den Blick auf die humanitäre Situation in Katastrophengebieten zu lenken. Das nutzen sie und die Organisation gleichermaßen. Für ihr Engagement hat ihr Bundespräsident Joachim Gauck erst diesen März das Bundesverdienstkreuz verliehen.

Die Schauspielerin war unter anderem in Russland und Kenia, in Indonesien und im Libanon. Sie hat traumatisierte und missbrauchte Kinder besucht, HIV-infizierte Kinder und solche, die auf der Straße leben. Hier in Äthiopien sind es Mädchen und Jungen, die kaum Schulbildung, nichts zu essen und vor allem nichts zu trinken haben. In dem afrikanischen Land, das zu den ärmsten der Welt zählt, gibt es alle paar Jahre schlimme Dürrephasen, die zu extremer Lebensmittelknappheit führen. Die Hälfte der knapp 100 Millionen Äthiopier ist unterernährt, im Durchschnitt werden die Menschen nur 56 Jahre alt. Und die Regierung, von der viele sagen, sie herrsche undemokratisch, spielt das wahre Ausmaß der Katastrophe herunter, weil sie das Bild eines funktionierenden Staates aufrechthalten will.

Der heiße Wind fühlt sich an wie ein Föhn auf höchster Stufe

Doch dieses Bild täuscht. Derzeit herrscht die schlimmste Dürre seit den achtziger Jahren. Eigentlich ist gerade Regenzeit, nur: Es regnet nicht. „Wir warten seit zwei Jahren darauf“, sagt Lehrer Abdu Mohammed Ali.

Jeden Vormittag sitzt er mit seinen Schülern in dem Zelt, in dem es kühler ist, als draußen, wo einem der heiße Wind entgegenschlägt als würde man sich einen Föhn auf höchster Stufe vor das Gesicht halten. Abdu Mohammed Ali ist der einzige Erwachsene des islamischen Clans, der eine Ausbildung hat. Lesen und Schreiben, ein bisschen Mathematik, auch einige Lieder und Tänze bringt er den Kindern bei, unterstützt vom DEC, dem Development Expertise Center, einem der lokalen Partner der Kindernothilfe.

Die Wüste und die Hauptstadt – andere Welten

„Damit unterstütze ich meinen Clan“, sagt der 25-Jährige. Vor allem die vielen Kinder, die einen Großteil der 250 Nomaden ausmachen. Einige hat er schon angesteckt. Aisha will auch Lehrerin werden, und der neunjährige Mohammed will in die Politik. „Wenn ich groß bin will ich irgendwo Chef sein“, erzählt er. Deswegen sitzt er gerne in der ersten Reihe, das Heft auf dem Schoß, den Stift in der rechten Hand. „Am liebsten was mit Bildung. Vielleicht werde ich auch Bildungsminister.“

Es ist ein langer Weg von der vertrockneten Afar-Wüste in der Nähe der Grenze zu Djibouti bis in die Hauptstadt Addis Abeba, wo die Ministerien stehen. Nicht nur geografisch, es sind nicht nur die etwa 500 Kilometer Luftlinie – es ist eine andere Welt. Hier die staubige Wüste und die winzigen Hütten aus Stöcken und Stroh, in denen oft acht, neun Menschen schlafen, dort die großen Häuser mit Wasserhahn. Und während in Addis Abeba ein Hochhaus nach dem anderen in den Himmel wächst, und die vielen Autos kaum gute Luft zum Atmen lassen, wird die Region im Nordosten immer mehr auf das Wesentliche zurückgeworfen: Überleben.

„Wir können einfach in unsere Taschen greifen und die Wasserflasche herausholen“, wird Natalia Wörner später sagen, als sie nach einigen Stunden in der Hitze ein paar Schluck Wasser trinkt. „Die Kinder hier können das nicht. Das macht mich fassungslos.“

Zwei Kinder von Mussa Ali sind gestorben

Dass die Schauspielerin politisch ist, sich engagiert und zu Themen öffentlich Stellung bezieht, ist nicht neu. Sie hat gute Kontakte in die Regierung, kennt „Frank“, den Außenminister Frank-Walter Steinmeier, seit vielen Jahren, reiste mit ihm und seinem Tross nach Asien, um sich auf eine Rolle vorzubereiten. Neu ist, dass alles, was sie sagt, seit dem Bekanntwerden ihrer Beziehung zu einem Politiker unter Beobachtung steht. Was das verändert hat? „Irgendwie nichts und irgendwie ganz schön viel“, sagt sie. „Meine Tätigkeiten werden sich dadurch nicht verändern“. Für Dinge, die ihr wichtig sind, werde sie sich auch weiterhin einsetzen. Auch deshalb ist sie nach Äthiopien gefahren. In das Land, das in den vergangenen Jahrzehnten zum Synonym für Armut und Hunger geworden ist.

Ohne die Kanister mit Wasser, die Säcke voll Mais und die Ziegen, die die lokalen Hilfsorganisationen in Zusammenarbeit mit der Kindernothilfe regelmäßig in die Region bringen, könnten die Menschen wohl nicht überleben. Und trotzdem sterben Kinder.

Mussa Ali hat einen Sohn und eine Tochter verloren. Der 47-Jährige weiß nicht, ob sie verhungert oder verdurstet sind. „Wir waren mit den Ziegen auf der Suche nach Gras und sind tagelang durch die Wüste gelaufen.“ Er sitzt in seinem Ari, der Kugelhütte, auf dem Boden und erzählt. Irgendwann konnten die beiden nicht mehr, sie blieben einfach liegen. „Wenn es nichts zu essen und zu trinken gibt – was kann ich tun?“

Die Nomaden trinken braunes Wasser aus dem Tümpel

Die Afar-Nomaden, die seit Jahrhunderten von der Viehzucht leben, sind an das unwegsame Gelände gewöhnt, auch an die Hitze, die hier im Sommer auf knapp 50 Grad steigt. Aber nicht daran, dass Kinder sterben, weil sie nichts zu essen und trinken haben.

Noch trinken Mussa Ali und der Rest des Clans Wasser aus dem Tümpel, aus dem auch die Kamele und Ziegen trinken, der Waschgelegenheit ist und so braun, dass man sich nicht vorstellen mag, wie das Wasser schmeckt. „Wir haben keine Wahl. Immerhin ist es so heiß, dass wir das Wasser nicht abkochen müssen“, sagt der Clanchef, der auch Mohammed heißt, so wie fast alle Jungen und Männer hier, und man weiß nicht recht, ob er einen Witz machen will oder wirklich daran glaubt.

Die Kindernothilfe unterstützt Partner vor Ort

Besonders hart trifft es immer die Kinder, die Schwächsten, das ist in Äthiopien nicht anders, als in anderen Regionen der Welt, in denen Naturkatastrophen zu humanitären Notständen führen. Die Kindernothilfe kümmert sich mit den Partnern vor Ort um Bildung wie bei den Afar-Nomaden, verteilt in anderen Gegenden des Landes Essen in Schulen, versorgt Bauern mit hitzeresistentem Saatgut und schult sie in nachhaltiger Landwirtschaft. „Was wir hier tun, ist nur ein Tropfen“, sagt Natalia Wörner. „Aber einer, der verdammt wichtig ist für die Kinder.“

Als sie nach einigen Stunden in der Wüste im Bus sitzt, die kleine Plastikflasche mit Wasser auf dem Schoss, wirkt sie mitgenommen. Im Rückspiegel wird das Nomadendorf immer kleiner, mittendrin das weiße Zelt. Davor stehen Kinder und winken.

 
 

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