Droht Stadtbahnen im Revier das Aus?

Den städtischen Verkehrsbetrieben fehlt das Geld, ihre Bahnen in Stand zu halten.
Den städtischen Verkehrsbetrieben fehlt das Geld, ihre Bahnen in Stand zu halten.
Foto: Philipp Wahl
In den 1970er-Jahren wurden überall im Ruhrgebiet Stadtbahnen gebaut. Sie kommen ins Alter, aber keiner kann ihre Renovierung bezahlen. Auch der Bund zieht sich zurück. Die erste Tram wurde mittlerweile stillgelegt.

Essen. Ältere Kunden des Busnetzes in Gelsenkirchen können sich freuen. 2013 werden zehn Haltestellen im Stadtgebiet barrierefrei ausgebaut. 15 neue Fahrgastunterstände gibt es im Kreis Recklinghausen. Die Düsseldorfer Rheinbahn investiert in ein Kundeninformationssystem, Duisburger, Dortmunder und Bochumer Verkehrsbetriebe rüsten auf neue Führungssysteme oder den digitalen Funk um. Und in Oberhausen erhält der Bahnhof Holten sechs Bus-Stopps.

73 solcher Punkte umfasst die Liste für den Ausbau des öffentlichen Personennahverkehrs in Nordrhein-Westfalen für das kommende Jahr. Hier und da wird das die Lage in einem Stadtteil verbessern oder auch den Komfort. Was die Liste bestimmt nicht ist: Der große Wurf für die Modernisierung des Bus-, Straßen- und U-Bahnverkehrs an Rhein und Ruhr, der dringend ist. Der fällt aus. Es wird ihn in den nächsten Jahren nicht geben.

Die erste Bahn ist stillgelegt

Der Verband der Verkehrsbetriebe (VDV) in NRW hat gezielt zum Jahresende die Rechnung vorgelegt: Bis 2016 sind 1,1 Milliarden Euro für den Erhalt der ortsfesten Anlagen der U- und Straßenbahnnetze nötig, zum Beispiel der 170 Bahnhöfe. Weitere rund zwei Milliarden Euro brauchen die Betriebe dafür bis 2025. Hinzu kommen mehr als zwei Milliarden Euro für den Ersatz der veralteten Fahrzeugflotte – das Durchschnittsalter der Waggons erreicht an Rhein und Ruhr 18 Jahre. 178 der 1407 Schienenfahrzeuge haben den 30. Geburtstag hinter sich. Fließe dieses Geld nicht, „drohen Stilllegungen“, sagt der VDV.

Die erste gibt es seit wenigen Monaten – ausgerechnet in der Heimat der NRW-Ministerpräsidentin Hannelore Kraft, deren Koalitionsvertrag starken Wert auf den öffentlichen Nahverkehr legt. Die Mülheimer Straßenbahnlinie 104 zum Flughafen, die früher sogar bis zur Essener Gruga fahren sollte, wurde im April durch einen Bus ersetzt. Die Bezirksregierung in Düsseldorf versucht bisher vergeblich, den Ratsentscheid rückgängig zu machen.

Nicht nur in Mülheim, das jährlich 1,6 Millionen Euro alleine zum Unterhalt des Schienensystems brauchen würde, fehlt es.

Im Bereich der Bogestra in Bochum, Gelsenkirchen und Herne müssten jedes Jahr fast fünf Millionen Euro investiert werden, um den Stand der Technik zu halten. In Dortmund wären es pro Jahr 3,6 Millionen, in Duisburg 1,5, in Essen 3,3 und in Mülheim 1,6 Millionen, um mithalten zu können Die Landeshauptstadt braucht zwei Millionen für ihre Rheinbahn.

Dagegen die Fakten: Betriebe und Kommunen können das allenfalls zu einem Viertel aufbringen.

„Es steht viel auf dem Spiel“, warnt der Verband der Verkehrsunternehmen: „Ohne eine effektive Unterstützung von Bund und Land ist der Fortbestand der kommunalen Schienensysteme in Nordrhein-Westfalen künftig ernsthaft infrage gestellt.“

Förderprogramm endet 2019

Rückendeckung bekommt er vom Verkehrsverbund Rhein-Ruhr (VRR). „Die Bahnen kommen in die Jahre“, sagt Sprecherin Sabine Tkatzik. „Es fehlt das Geld für Sanierungen. Und wir reden nicht davon, dass sie eigentlich ausgebaut werden müssten, weil das Mobilitätsbedürfnis im Revier steigt.“

Doch dass bald mehr Geld fließen könnte – pure Illusion. Denn auf der Ebene des Bundes steht nicht nur die Befreiung der Kommunalbetriebe von der Erneuerbare Energien-Umlage (EEU) auf der Kippe. Es wird das Förderprogramm für den kommunalen Nahverkehr, das mit jährlich 300 Millionen Euro dotiert ist, nur noch bis 2019 geben. Gleichzeitig enden Bundeszuschüsse von 1,3 Milliarden Euro, die zwischen Schienen und Straßen aufgeteilt werden. „Dringend erforderlich“ finden die Bundestags-Grünen, dass die Länder deshalb mehr Druck machen.

Dabei bleiben Städte selbst in Notfällen auf Schäden sitzen. Für die Essener EVAG war 2012 ein schwarzes Jahr. Dreimal waren Straßenbahnen in Unfälle verwickelt. Die Kosten von 600 000 Euro zahlt keine Versicherung.

 
 

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