Drohen in NRW Krawalle zwischen Kurden und Islamisten?

Dietmar Seher
Die Polizei stoppt in Hamburg Kurden auf ihrer Spontandemonstration für die Unterstützung kurdischer Kämpfer in der nordsyrischen Stadt Kobane und gegen Islamismus.
Die Polizei stoppt in Hamburg Kurden auf ihrer Spontandemonstration für die Unterstützung kurdischer Kämpfer in der nordsyrischen Stadt Kobane und gegen Islamismus.
Foto: dpa
In Hamburg und Celle lieferten sich Kurden und Salafisten erbitterte Straßenschlachten. In Dortmund haben Demonstranten am Mittwochabend den Hauptbahnhof gestürmt und Gleise besetzt. Auch NRW ist ein mögliches Feld für die Auseinandersetzungen zwischen den Extremisten.

Essen/Düsseldorf. Hamburg ist krawallerprobt. Aber was sich in der Nacht zum Mittwoch im Stadtteil St. Georg zwischen Kurden und radikalen Muslimen abspielte, nennt die Polizei nur noch „Straßenschlacht“. Am Ende blieben mehrere Verletzte zurück. Fast zeitgleich prügelten sich im niedersächsischen Celle Jesiden und Tschetschenen, Anhänger der Terrormiliz „Islamischer Staat“.

„Hochemotional“ sei es zugegangen, sagt der lokale Polizeibericht, der vom Einsatz von Pfefferspray spricht, mit dem die Sache beruhigt wurde. Behörden dämmert: Gefühle, die der Krieg in Syrien und Irak auslöst, erreichen jetzt Deutschland mit allen Folgen.

Im NRW-Innenministerium haben sie die Situation in der Szene „im Auge“. Denn Nordrhein-Westfalen ist ein mögliches Feld für die Auseinandersetzungen. Zwar blieb es bei Demonstrationen in Düsseldorf, Dortmund, Bonn und Essen friedlich. In Bielefeld besetzten 30 Kurden die SPD-Büros, in Düsseldorf monierte die Polizei das Tragen der verbotenen PKK-Fahne. Aber erstens ist es vor Wochen in Herford mit ähnlichem politischen Hintergrund schon zu blutigen Zusammenstößen gekommen. Zweitens bieten alleine Zahlen Stoff für eine Hochrisiko-Analyse: 1,4 Millionen Türken leben an Rhein und Ruhr. Ein Drittel hat wohl kurdische Wurzeln.

Auch Erpressung und Drogengeschäfte

Die Verfassungsschützer teilen nicht pauschal in Gut und Böse. IS-Fanatikern wie der seit 2002 ebenfalls verbotenen kurdischen PKK werden terroristische Tendenzen zugetraut. Vor allem aber ist NRW nicht nur Rückzugsgebiet der verfeindeten Gruppen, sondern deren Bankenplatz. Hier wird der Krieg in Syrien und Irak mitfinanziert.

Das passiert über Spenden, von denen die PKK jährlich mehrere Millionen einsammelt, wie der NRW-Verfassungsschutz auflistet. Die Sammelei ist organisiert. Anfang September erwirkte die Bundesanwaltschaft Haftbefehl gegen den Kurden Mehmet D., alias „Kahraman“, der für Geldbeschaffung unter anderem in Duisburg und Dortmund zuständig war. Eine Europazentrale gibt solchen regionalen Chefs klare Sammelziele vor. Auch Erpressung und Drogengeschäfte sollen im Spiel sein. 2013 war das Jahr einer Sonderkampagne, mit der „allen Kurden deutlich gemacht werden sollte, dass sie die Rojava-Revolution in finanzieller Hinsicht unterstützen sollten“.

Am Mittwoch klagte der Generalbundesanwalt zwei Geldbeschaffer der anderen, radikal islamistischen Seite an. Die Beschaffungsmethoden von Fatih K. (35) und Fatih I. (27) seien hochgradig kriminell: Sie sollen durch Betrug Banken geplündert und der in Syrien mit dem IS kämpfenden Junud al Sham 25.000 Euro geschickt haben.

Kann der syrische Krieg als Gewaltwelle nach NRW schwappen? Ankläger wie Verfassungsschützer differenzieren hier.

Kämpfer für Syrien und den Irak

Eher gemäßigt werden die Kurden bewertet: Die PKK hat einen Ableger, Kongra-Gel. Der bemühe sich „in Nordrhein-Westfalen um eine politische Anerkennung seiner Forderungen“, nicht um Gewalt. Eine andere – legale – Kurdenorganisation, Yek-Kom, sitzt in Düsseldorf. Sie versuche, Kontakte zur deutschen Politik zu knüpfen.

Die IS und die Salafisten haben dagegen Gewalt zum Prinzip gemacht, glauben die deutschen Sicherheitsbehörden. Sie heuern auf deutschen Schulhöfen und im In­ternet junge Menschen an und rekrutieren sie als Kämpfer. In Nordrhein-Westfalen gibt es 40 Netzwerke von ihnen. 130 Kämpfer sind nach Syrien und Irak in den Kampf gezogen, 25 alleine aus dem Brennpunkt Dinslaken.