Die wunden Punkte der Kirche

Petra Kappe
rotest von Mitarbeitern der Diakonie in Bielfeld: Das Streikverbot im kirchlichen Arbeitsrecht steht auf dem Prüfstand. Andere Sonderregelungen beschäftigen seit Jahren die Gerichte
rotest von Mitarbeitern der Diakonie in Bielfeld: Das Streikverbot im kirchlichen Arbeitsrecht steht auf dem Prüfstand. Andere Sonderregelungen beschäftigen seit Jahren die Gerichte
Foto: epd
Der Dialog mit dem Islam gehört mittlerweile zur guten Übung in der Evangelischen Kirche von Westfalen. Das Gespräch mit Atheisten aber ist neu, und es erwies sich beim Studientag in Dortmund als außerordentlich lebendig.

Dortmund. Der Dialog mit dem Islam gehört mittlerweile zur guten Übung in der Evangelischen Kirche von Westfalen. Das Gespräch mit Atheisten aber ist neu, und es erwies sich beim Studientag in Dortmund als außerordentlich lebendig.

Nein, gesteinigt haben sie ihn nicht, den Religionskritiker Michael Schmidt-Salomon von der Giordano-Bruno-Stiftung. Allzu ernst nehmen mochten die Protestanten den Provokateur aber auch nicht; im Zweifel war auch das eine schmerzhafte Erfahrung.

Teufelsaustreibung, Hexenverfolgung, Genitalverstümmelung: Der Gottlose schreibt viele Übel unserer Tage den Religionen zu. In Deutschland rüttelt er an Kirchensteuer und Religionsunterricht, stellt gewachsene Strukturen im Verhältnis von Staat und Kirche in Frage.

Mit der Kritik am kirchlichen Arbeitsrecht und den Staatsleistungen, die seit mehr als 200 Jahren zum Ausgleich von damaligen Enteignungen an die Kirchen fließen, trifft er wunde Punkte. Beide Fragen bereiten, wie die Diskussion zeigte, auch den Protestanten selbst Unbehagen.

Kirchenrat Rolf Krebs bezifferte die Staatsleistungen der Länder an die beiden großen Kirchen auf jährlich 460 Millionen Euro. Das entspreche zwei Prozent des kirchlichen Gesamtbudgets. Krebs, der Beauftragte der evangelischen Kirchen in NRW bei Landtag und Landesregierung, betonte, dass die NRW-Landesregierung eine endgültige Ablösung der Zahlungen derzeit nicht wolle, weil das Geld fehle: „Die wollen da nicht ran.“

Tagungsteilnehmer regten einen freiwilligen Verzicht auf die Zahlungen an, wenn sie „politisch schädlich und in der Sache nicht gerechtfertigt“ seien. Die Frage sei doch: „Können wir das Geld reinen Gewissens nehmen?“ Zumindest müsse besser deutlich werden, „was wir damit tun“.

„Hinterfragen“ möchte auch Krebs die Sonderrechte kirchlicher Arbeitgeber. Mit Hinweis auf die anstehende gerichtliche Klärung ging er auf die Kritik von Schmidt-Salomon allerdings nicht näher ein. Die fiel drastisch aus.

In den „Sozialkonzernen“ Caritas und Diakonie sei „weltanschauliche Diskriminierung allgegenwärtig“, schimpfte der Humanist. Konfessionslose Pädagogen, Psychologen, Pfleger und Ärzte hätten dort keine Chance auf Beschäftigung. Beim Arbeitsamt werde ihnen gesagt: „Treten Sie in die Kirche ein, damit Sie die Stelle bekommen.“

Theologe Krebs wies die Aussage zurück, die Kirchen würden vom Staat bevorzugt. Vielmehr erfüllten die Kirchen stellvertretend Aufgaben, zu denen der Sozialstaat verpflichtet ist. „Dort, wo öffentliche Mittel an die Kirchen fließen, geschieht das wegen ihrer Dienste in der Gesellschaft.“

Schmidt-Salomon und auch Gabriele Boos-Niazy vom Aktionsbündnis muslimischer Frauen in Deutschland problematisierten, dass soziale Einrichtungen in kirchlicher Trägerschaft viele Menschen ausschließen. Schmidt-Salomon erinnerte an die ehemaligen Heimkinder, die durch Misshandlung und Ausbeutung in konfessionellen Heimen traumatisiert seien. „Sie kommen heute ins Rentenalter und müssen sich wieder in kirchliche Heime begeben.“

Die Integrationsarbeit der christlichen Kirchen erreiche ihre Zielgruppen nicht, sagte Boos-Niazy. Muslime würden allenfalls in Minijobs oder ehrenamtlich beschäftigt. Vielleicht sei es „an der Zeit“, überlegte sie, „einen eigenen muslimischen Wohlfahrtsverband zu gründen“.