Die Türkei sucht Freibrief für Kampf gegen syrische Kurden

Türkische Panzer an der syrischen Grenze. Nach einem Granatenbeschuss von syrischer Seite haben die Türken mit Vergeltungsangriffen begonnen.
Türkische Panzer an der syrischen Grenze. Nach einem Granatenbeschuss von syrischer Seite haben die Türken mit Vergeltungsangriffen begonnen.
Foto: rtr
Die Türkei sucht schon länger nach einem Anlass, die syrischen Kurden zu attackieren. Die Granaten, die jetzt von syrischer Seite auf türkisches Gebiet geflogen sind, haben diesen Anlass geliefert. Trotzdem wird Ankara keinen großen Krieg gegen Damaskus beginnen. Eine Analyse.

Essen. Im Endeffekt ist es egal, wer von Syrien aus den türkischen Grenzort Akçakale beschossen hat; ob die Granaten, die fünf Zivilisten töteten, von syrischen Soldaten oder von Freischärlern abgefeuert wurden. Fest steht: Der Angriff hat der türkischen Seite den willkommenen Anlass dafür geliefert, grünes Licht für militärische Operationen im Nachbarland zu geben.

Ankara wird keinen großen Krieg gegen Damaskus beginnen, in den die Nato mit hereingezogen werden könnte; das liegt nicht im Interesse der Regierung Erdogan; ganz gleich, wie groß ihr Wunsch ist, als regionale Ordungsmacht wahrgenommen zu werden. Die Türkei will kurdische Autonomiebestrebungen in Syrien eindämmen.

Die Kurden haben sich im Norden Syriens und Nordirak Freiräume geschaffen

Der Traum von einem freien, unabhängigen Kurdistan ist in greifbarere Nähe gerückt, seit der Bürgerkrieg in Syrien losgebrochen ist. Im Schatten des Konflikts haben sich die Kurden – weitgehend unbemerkt von der Weltöffentlichkeit – im Norden des Landes Freiräume geschaffen, sie kontrollieren ganze Städte. Im Nordirak genießen sie ohnehin seit Jahren einen weitreichenden Autonomiestatus.

Auf dem Berg Kandil im Nordirak hat die kurdische Arbeiterpartei PKK einen sicheren Rückzugshafen, trotz der Luftangriffe, die die Türkei immer wieder auf das Nachbarland fliegt. Jetzt will Bagdad die Türkei zwingen, Militärstützpunkte im Nordirak zu schließen. Und nicht zuletzt hat die PKK im Frühjahr wieder ihren Guerilla-Krieg im Süden der Türkei aufgenommen. Die Regierung Erdogan steht wegen dieser Entwicklungen innenpolitisch mächtig unter Druck.

Schon vor dem syrischen Angriff attackierten türkische Soldaten das Kurdengebiet

Der türkische Angriff auf die Region um Tell Abjad war nicht der erste auf das syrische Kurdengebiet. Schon zu Wochenbeginn – also lange vor dem Granatenbeschuss auf Akçakale – schossen türkische Soldaten auf kurdische Freischärler und töteten einen Menschen. Mit dem Parlamentsbeschluss von gestern hat sich Ankara jetzt einen Freibrief dafür verschafft, die Militäroperationen gegen die Kurden in Syrien auszuweiten und ihre Freiheitsbestrebungen im Keim zu ersticken.

Die ohnehin komplizierte Lage im syrischen Bürgerkrieg – der längst ein Stellvertreter-Krieg ist, in dem regionale Mächte ihr eigenes blutiges Spiel spielen – wird noch verworrener. Der Westen sollte sich nicht auf dieses Spiel einlassen.

 
 

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