Die Stämme sind die Herren der Wüste

Was kommt nach Gaddafi? Die Lage in Libyen ist völlig unübersichtlich. Allein die Stämme können noch für eine staatliche Ordnung sorgen. Nordafrika-Experten beschreiben die geheimnisvolle libysche Gesellschaft.

Essen. „Zurück zu den Wurzeln“ scheint das Motto für Libyen zu sein. Der Diktator wankt, sein Staat zerfällt, nichts ist mehr, wie es war. Als Retter der Ordnung kommen offenbar nur die in Frage, die schon vor Gaddafi die Herren im Lande waren: die Stämme.

Es ist die Stunde der Touareg, der Megrahi, Hasawna, Zuwayya, vor allem aber der Warfalla im rebellischen Os­ten Libyens, die mehr als eine Million Stammesangehörige zählen. Gaddafi, ein „Sohn“ des kleinen Stammes der Gaddafa, hat sie bedroht, gegeneinander ausgespielt und gefüttert. „Teile und herrsche, das war Gaddafis Prinzip“, erklärt der Journalist und Arabien-Experte Marcel Pott. Und beim Teilen fielen ein paar Brocken mehr für den eigenen Clan ab. „Gaddafi versteht sich selbst als Schiedsrichter. Tatsächlich ist er nur ein Diktator“, sagt Udo Steinbach, der das Deutsche Orient-Institut leitete.

Vier Jahrzehnte Gaddafi versperren den Blick auf das Königreich Libyen, das bis zum Putsch 1969 existierte, und auf die koloniale Vorgeschichte. Heute laufen junge Menschen mit der königlichen Fahne auf die Straßen – Angehörige einer Generation, die König Idris al-Senussi, der 1983 im ägyptischen Exil starb, nie kennengelernt hat.

Senussi – das ist nicht nur der Name des Regenten. Senussi heißt auch eine Bruderschaft, eine Glaubensrichtung im Islam, der sich viele Libyer zugehörig fühlen. „Das sind keine radikalen Muslime, sie sind nicht mit der Muslim-Bruderschaft in Ägypten vergleichbar. Die Senussi stehen für eine mystische Religion, für eine persönliche, individuelle Annäherung an Gott“, weiß Udo Steinbach. Der Professor spricht von einer „zu­tiefst religiösen“ libyschen Ge­sellschaft. Der Glaube könne nun, sollte Gaddafi stürzen, für die Libyer noch wichtiger werden. Eine Entwicklung zum Radikalen sei nicht auszuschließen. „Die Stämme und die Religion geben in der Wüste die Ordnung vor“, so Steinbach. Stammesführer könnten Ordnung ins Chaos bringen und Regeln setzen.

Warum rebellieren die Libyer gegen ihren „Revolutionsführer“? „Sie rufen nicht nach einer Demokratie nach westlichem Vorbild, und es geht ihnen auch nicht so sehr um Wohlstand. Sie wollen Ge­rechtigkeit, weil Gaddafi ungerecht war. Sie wollen Teilhabe, weil nur wenige Einfluss hatten“, sagt Steinbach.

Gaddafis bizarrer Traum von der „Volks-Dschamahiriya“, von einer Direktherrschaft des Volkes auf Familien-, Stammes- und Staatsebene, platzt wie eine Seifenblase. Der Oberst wollte ein arabischer Führer sein. Aber schon in den Nachbarländern war sein Ruf ramponiert, angesiedelt irgendwo zwischen Menschenfresser und Witzfigur.

„Er hinterlässt ein Macht-Vakuum, es gibt keine natürliche Führerfigur, die Opposition im Exil ist zerstritten. Libyen ist auch kein Nationalstaat wie Ägypten“, meint Marcel Pott. Libyens Zukunft liegt also völlig im Dunkeln. Aber sie hat gerade begonnen.

 
 

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