Die SPD in NRW will den „sozialen“ Steinbrück

Selbstsicher ist der Kandidat der SPD. Er will Bundeskanzler werden. Aber seine Partei, die SPD, möchte einen Steinbrück mit mehr sozialem Profil.
Selbstsicher ist der Kandidat der SPD. Er will Bundeskanzler werden. Aber seine Partei, die SPD, möchte einen Steinbrück mit mehr sozialem Profil.
Foto: AFP
Die NRW-SPD hat nicht nur gute Erfahrungen mit Peer Steinbrück gemacht. Der Ärger über den selbstbewussten „Agenda-Mann“ sitzt noch tief. Dennoch wächst der Rückhalt in der Partei für den frisch gebackenen Kanzlerkandidaten. Denn die Partei weiß: Steinbrück kann Kanzler.

Essen. Die SPD und Peer Steinbrück – was für eine knisternde Verbindung! Die Partei liebt die Stärke ihres Kandidaten, seinen Intellekt, seinen Drang zur Macht. Und gerade weil er so kraftvoll auftritt, misstraut sie ihm auch. Denn er ist: ein „Agenda-Mann“. Wer in diesen Tagen in die SPD hineinhorcht, erfährt: Ja, sie wollen ihn. Sie wissen, dass er es gegen Merkel „packen“ kann. Aber sie wünschen sich einen neuen, einen sozialdemokratischeren Steinbrück.

In den SPD-Ortsvereinen und -Unterbezirken in NRW schwankt die Befindlichkeit zwischen Begeisterung und Bauchschmerzen. „Wir haben aufgeatmet. Endlich ist der Kandidat da. Jetzt geht’s los“, schwärmt Peter Wenzel, SPD-Fraktionschef in Marl. Steinbrück sei bisher kein „Mann der kleinen Leute“, gibt Rudolf Malzahn von der SPD Bochum-Hamme zu bedenken. Der Kandidat möge nicht glauben, er könne als Kanzler, wie einst Gerhard Schröder, über die Partei hinweg regieren.

"Steinbrück muss am sozialdemokratischen Profil feilen"

Vor allem der Spruch von der „Beinfreiheit“, die Steinbrück in Münster von der Partei für sich reklamierte, hallt nach. „Der Satz war nicht toll“, sagt Dirk Jehle, Vorsitzender der SPD Bilk in Düsseldorf. „Man könnte den Eindruck bekommen, dass wir für ihn ein Programm schreiben sollen. Dabei sind viele in der SPD froh, dass sie wieder in die Meinungsbildung eingebunden werden. Ich finde, Steinbrück muss noch an seinem sozialdemokratischen Profil feilen“, so Jehle. Immerhin, so der Düsseldorfer, habe der Kandidat Sympathie für Hannelore Krafts vorbeugende Sozialpolitik. Für einen in der NRW-SPD populären Kurs also. Und Steinbrück komme gut an bei den Bürgern. Ein Pluspunkt.

In Dortmund, der „Herzkammer“ der SPD, hatte Steinbrück zuletzt einen schweren Stand. Weil der Mann so kantig ist, weil er nicht gern im Team spielt, weil er die Agenda verkörpert. Nadja Lüders, Landtagsabgeordnete und stellvertretende SPD-Chefin in Dortmund, ist nach dem Auftritt Steinbrücks in Münster zufrieden. „Was er sagte, stimmt mich hoffnungsvoll. Er tritt ein für Ziele wie Mindestlohn und ,gleicher Lohn für gleiche Arbeit’“, sagt Lüders. Aber sie erkennt auch eine „Sollbruchstelle“ in der Beziehung. Der Kandidat sei gut beraten, sich von einer deutlichen Absenkung des Rentenniveaus zu distanzieren. „Ein Rentenniveau von 43 Prozent, das geht gar nicht“, stellt Nadja Lüders klar. An dieser Stelle wird die Partei ihrem Kandidaten wenig Beinfreiheit gewähren.

Bärbel Höhns Rat: „Cool bleiben“

Die Gewerkschaften, die gerade wieder ihren Frieden mit der SPD geschlossen haben, schauen gespannt auf den Mann, der Kanzler werden will. „Der Umgang mit dem NRW-Finanzminister und Ministerpräsidenten Peer Steinbrück war aus Gewerkschaftssicht nicht immer einfach“, erinnert sich Andreas Meyer-Lauber, Chef des DGB in NRW. Aber er sagt auch: „Steinbrück ist eine starke Persönlichkeit mit Erfahrung – ein Gegenpol zu Angela Merkel. Wir erwarten von ihm, dass er sich um die sozialen Probleme und die Bekämpfung der unsicheren Beschäftigungsverhältnisse kümmert.“ Die Mahnung lautet also: Bleib schön sozial, Peer.

Nicht nur Sozialdemokraten fragen sich, wie es ihnen mit diesem Kanzlerkandidaten ergeht. Auch die Grünen horchen auf. Bärbel Höhn weiß, wie es sich anfühlt, mit Peer Steinbrück zu arbeiten: „Wer mit ihm in einer Regierung sitzt, dem kann ich raten: Cool bleiben, sich auf die Sachfragen zu konzentrieren und nicht die Nerven verlieren.“ Immerhin scheine die Berliner Luft beruhigend auf starke Männer wie Steinbrück zu wirken. Höhn: „In Berlin war er schon anders als in Düsseldorf. Das war übrigens mit Wolfgang Clement ähnlich, der war in Berlin auch nur noch halb so ungestüm.“

 
 

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