Die sadistischen Psychologen

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Der Senats-Bericht über die brutalen Verhörmethoden unter der Bush-Regierung enthüllt auch abstoßende Details über die Männer im Dienst der CIA.

Washington.. Jim Mitchell reagiert in diesen Tagen gereizt auf Journalisten-Anrufe. „Lassen Sie mich in Ruhe“, bellt der in Florida lebende Pensionist in den Hörer, „ich habe nur versucht, meinem Land zu dienen. Sprechen Sie mit der CIA.“ Mitchells Dienst am Vaterland, versehen gemeinsam mit seinem Kollegen Bruce Jessen, markiert aus Sicht des Geheimdienst-Ausschusses des Senats in Washington eines der düstersten Kapitel im Folter-Skandal um die „Central Intelligence Agency“. Danach haben die US-Psychologen, beide Mitte 60, jene ausgeklügelt brutalen Verhör-Methoden entwickelt, mit denen in Geheim-Gefängnissen in Osteuropa und Asien rund 120 Terrorverdächtige seit 2002 über Monate gequält worden waren. Lohn ihrer Folter-Arbeit aus der Kasse des Steuerzahlers: über 80 Millionen Dollar.

Jessen wie Mitchell, das legt der Senatsbericht minutiös offen, agierten von jeder Fachaufsicht befreit nach Gutdünken. Sie dienten sich der CIA nach den Anschlägen vom 11. September 2001 mit einem für Terrorverdächtige verfeinerten Trainingsprogramm aus dem Kalten Krieg an, das US-Soldaten auf Folter nach einer Gefangennahme präparieren sollte. So entstand der Katalog der „erweiterten Verhörmethoden“, den Präsident George W. Bush 2002 absegnete: unter anderem umfasste dieser das Verhüllen durch blickdichte Kapuzen, die Beschallung mit unerträglich lauter Musik, Schein-Exekutionen, tagelanger Schlafentzug, das regelmäßige Schleudern eines Körpers gegen die Wand, Schläge ins Gesicht, stundenlanges Stehen im gefesselten Zustand, die Androhung bestialischer Gewalt gegen Angehörige oder das Simulieren eines Todes durch Ertrinken – kurz „waterboarding“.

In vielen Fällen legten Mitchell und Jessen, denen Kollegen schon früh sadistische und aggressive Züge attestierten, selbst Hand an Gefangene, um ihnen im angestrebten Zustand der „absoluten Hilflosigkeit“ Geständnisse und Informationen abzupressen. Weder besaßen sie dafür nötige Erfahrungen mit Verhören, Grundlagenwissen über El Kaida noch „andere wichtige kulturelle Kenntnisse“. Sie sprachen nicht einmal Arabisch.

Für Tages-Honorare von bis zu 2000 Dollar bewegten sich die von Top-CIA-Vertretern protegierten „Experten“ in den US-Geheim-Gefängnissen von Polen bis Thailand. 2005 lagerten sie ihre Arbeit in eine private Firma aus, die bis 2009 am Finanztropf der CIA hing, und stellten Dutzende Fremd-Mitarbeiter ein. Um vor Schadenersatzansprüchen sicher zu sein, überwies der Geheimdienst ihnen mehr als eine Million Dollar extra. Jessen und Mitchell, die als „Architekten des Grauen“ beschrieben werden, stehen aus Sicht von Rechtsexperten, und Politikern weltweit zusammen mit Ex-Präsident Bush, Ex-Vizepräsident Cheney und den drei damals tätigen CIA-Direktoren in vorderster Reihe, wenn Verantwortliche zur Rechenschaft zu ziehen wären.

Alle genannten Promis verteidigten die Verhör-Methoden uneingeschränkt. Für Ben Emmerson, Sonderberichterstatter für Menschenrechte bei den Vereinten Nationen, gehören Bush & Co. vor Gericht gestellt. Ob es dazu kommt, ist mehr als fraglich. Präsident Obama, der sich die Kritik des Senats im Kern zu eigen macht, hat Vertreter der Vorgänger-Regierung juristisch nie ernsthaft belangen lassen. Sein heutiger CIA-Chef, John Brennan, war zentraler Teil der Anti-Terror-Maschine seit 2001.

Deren Protagonisten verstärkten gestern ihre Gegen-Offensive. Auf der Internetseite CIASavedLives.com widersprechen ehemalige CIA-Agenten dem Folter-Bericht des Senats. Die Verhöre hätten, anders als dargestellt, sehr wohl wichtige Hinweise auf Terrorverdächtige und geplante Anschläge ergeben „und so Menschenleben gerettet“. Auch sei die Behauptung wahrheitswidrig, die CIA habe das Weiße Haus wie das Parlament über die angewandten Praktiken und ihren Ertrag belogen. Michael Hayden und George Tenet, zwei ehemalige CIA-Chefs, erklärten öffentlich, dass der Präsident (Bush) und die Spitzen des Kongresses fortlaufend wahrheitsgemäß im Bilde gewesen seien. Hayden im Fernsehsender NBC: „Niemals habe ich jemand sagen hören: Übertreibt es nicht.“

International hat der Folter-Bericht über die CIA hohe Wellen geschlagen und das Ansehen der USA weiter beschädigt. Stellvertretend für viele äußerte sich die staatliche Nachrichten-Agentur Chinas: „Amerika ist weder ein geeignetes Rollenmodell noch ein qualifizierter Richter für Menschenrechtsfragen in anderen Ländern.“

 
 

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