Die Oberbürgermeister kommen

Christian Kerl
Die SPD setzt auf die Kraft der Kommunen: Die Stadtoberhäupter Torsten Albig, Stephan Weil und Christian Ude wollen Ministerpräsident werden

Berlin. Der Mann, der in Bayern erster SPD-Ministerpräsident seit gut 50 Jahren werden will, möchte am liebsten gar nicht für einen Politiker gehalten werden. Münchens Oberbürgermeister Christian Ude kann mit diebischem Vergnügen erzählen, wie ihn ein stämmiger Bayer in der U-Bahn ansprach: „Geh, Ude! Du sagst doch auch, die Politiker sind alle Ganoven!“ Ihn, den Bürgermeister, habe der Mann gar nicht als Politiker gesehen – als bürgernahes Stadtoberhaupt sei er vom grassierenden Vertrauensverlust ausgenommen, freut sich Ude.

Vom „Kümmerer“ zum Regierungschef: Was Ude in Bayern im Sommer 2013 schaffen will, probt die SPD zuvor auch in Schleswig-Holstein und Niedersachsen. Bei allen drei Landtagswahlen bis zur Bundestagswahl im September nächsten Jahres setzen die Sozialdemokraten auf die Kraft aus den Kommunen – nicht bewährte Landespolitiker sollen die schwarz-gelben Regierungen besiegen, sondern die populären Oberbürgermeister der Landeshauptstädte Kiel, Hannover und München.

Längst laden Sozialdemokraten das Kandidaten-Trio mit Bedeutung auf. Parteivize Olaf Scholz, der selbst den Stadtstaat Hamburg regiert, sagt: „Für die SPD zahlt sich ein Kurs aus, der von pragmatischen und verlässlichen Bürgermeistern bestimmt wird.“ Der niedersächsische SPD-Spitzenkandidat Stephan Weil, den die SPD an diesem Freitag auch zum Landesvorsitzenden wählen will, sieht in seiner Partei schon die kommunale Ebene mehr in den Mittelpunkt gerückt.

Den ersten Test macht am 6. Mai in Schleswig-Holstein der eloquente und angriffslustige SPD-Spitzenkandidat Torsten Albig. Der 48 Jahre alte Jurist ist seit 2009 Oberbürgermeister von Kiel. Zuvor war er Stadtkämmerer und Sprecher der SPD-Bundesfinanzminister Oskar Lafontaine, Hans Eichel und Peer Steinbrück. Er hat nach Umfragen gute Chancen, mit den Grünen zusammen die CDU/FDP-Regierung abzulösen.

Nüchterner Jurist

Das entscheidende Signal für Berlin erhofft sich die SPD-Spitze von der Landtagswahl in Niedersachsen am 20. Januar 2013. Der 52-jährige Stephan Weil, der Ministerpräsident David McAllister (CDU) ablösen will, ist ein nüchterner Jurist und früherer Stadtkämmerer, der bis zu seiner Wahl zum Oberbürgermeister von Hannover 2006 „immer eine gewisse Distanz zum politischen Betrieb“ wahrte.

Weils Chancen auf einen Wahlsieg sind allerdings durchwachsen. Das gilt erst recht für Christian Ude. Seit 18 Jahren ist der Jurist Münchner Oberbürgermeister; das Anzapfen auf dem Oktoberfest schafft er inzwischen mit zwei Schlägen.

Populärer als Seehofer

Der 64-Jährige genießt höhere Popularitätswerte als Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU). Dennoch hat er von den drei Kandidaten die schlechtesten Aussichten auf einen Wahlsieg, nachdem seine Partei 2008 nur 18,6 Prozent der Stimmen holte. Doch für die sieche Landes-SPD ist seine Bewerbung so oder so ein Motivationsschub.

In der SPD-Spitze in Berlin gilt Udes Bewerbung deshalb als Glücksfall. Parteichef Sigmar Gabriel hat den Ball schon aufgenommen: „Wenn ich könnte, würde ich es zur Satzungsvoraussetzung machen: Man darf erst in den Land- oder Bundestag, wenn man fünf Jahre im Kommunalparlament war.“

Allerdings, auch die Wahlkämpfe laufen nun anders: „Für politische Wirtshausschlägereien bin ich nicht der Typ“, sagt Weil, der mit McAllister schon einen fairen Wahlkampf vereinbart hat – so wie es sich auch Ude und Seehofer versprochen haben. Und die Bürgermeister schauen nur zu, wenn die Amtsinhaber bis zum Wahltag im Parlament punkten können. „Das hat aber auch Vorteile“, glaubt Weil, „ich muss nicht versuchen, im Landtag alle anderen an Schärfe zu überbieten. Die Begeisterung für diese Politik-Rituale hat abgenommen.“