Die Muslimbrüder in Ägypten werden mächtiger

Der neue ägyptische Präsident Mohamed Mursi mit seinem Innenminister Mohammed Ibrahim in Kairo.
Der neue ägyptische Präsident Mohamed Mursi mit seinem Innenminister Mohammed Ibrahim in Kairo.
Foto: rtr
In immer mehr Staaten übernehmen sie die Regierung. Nun auch das Spitzenamt in Ägypten. Die Organisation versteht sich als Mischung zwischen Partei und Fürsorgebewegung. Manche Muslimbrüder sind eher radikal, andere verfolgen liberalere Ziele und lehnen einen Kopftuchzwang für Frauen ab.

Kairo.. Auf dem Tahrir-Platz jubelten Ägyptens Muslimbrüder, im Gazastreifen und den Enklaven der syrischen Rebellen knatterten Salven in den Himmel. Mohamed Mursi ist Präsident Ägyptens – für den sunnitischen politischen Islam der größte Erfolg in seiner modernen Geschichte. Noch nie zuvor war ein Mitglied der Muslimbruderschaft vom Volk in freier Abstimmung an die Spitze eines arabischen Landes gewählt worden.

Nach Jahrzehnten der Verfolgung und Illegalität rüttelt die islamistische Organisation damit in Ägypten, aber auch zahlreichen anderen Staaten mit Erfolg an den Toren der Macht. In Tunesien und Marokko stellen die Muslimbrüder inzwischen den Regierungschef. In Syrien spielen sie im Kampf gegen das Assad-Regime eine Schlüsselrolle. In Jordanien ist ihre „Islamische Aktionsfront“ die wichtigste Partei in der Opposition.

Filialen in über dreißig Ländern

Gegründet wurde die Muslimbruderschaft 1928 von dem Lehrer Hassan al-Banna in der ägyptischen Stadt Ismailia. Heute hat die Organisation, die sich nach wie vor als Mischung aus politischer Partei und Fürsorgebewegung versteht, Filialen in über dreißig Ländern – im Orient, Asien und in Afrika. Auf der Arabischen Halbinsel existieren Bruderschaften in Bahrain, Kuwait, Saudi-Arabien und Jemen.

So vielfältig die Filialen, so vielfältig sind auch deren Profile. Diverse Gruppen in Syrien und Libanon, wie auch in Palästina gehören zum radikalen Segment. Vor allem die Hamas fühlt sich in ihren Kampf gegen Israel neu beflügelt. Am moderaten Ende des Spektrums wiederum stehen die islamistischen Parteien in Marokko und Tunesien. „Wir haben für die Freiheit gekämpft, nicht für die Scharia“, erklärte Tunesiens Ennahda-Chef Rached el-Ghannouchi, dessen Partei bei den ersten demokratischen Wahlen gut 40 Prozent der Stimmen holte. Auf einen neuen Verfassungszusatz, der die Scharia als Hauptquelle des Rechts festschreibt, beharrt er nicht. Er sei kein zweiter Chomeini, einen Kopftuchzwang für Frauen werde es nicht geben, sagt er.

„Der Koran ist unsere Verfassung, die Scharia unser Gesetz“

Ägyptens Muslimbrüder wiederum nehmen eine Mittelstellung ein – und tragen daher ein dogmatisches und reformoffenes Doppelgesicht. Ihre Führung agiert nach wie vor wie eine Geheimloge hinter verschlossenen Türen. „Der Koran ist unsere Verfassung, die Scharia unser Gesetz“, skandierten die Anhänger von Mohamed Mursi auf dessen Wahlveranstaltungen, die gelegentlich durch Massengebete unterbrochen wurden. „Niemand kann uns stoppen, in eine islamische Zukunft zu marschieren“, antwortete der Kandidat, der zur Stichwahl dann aber mit einer wesentlich geschmeidigere Rhetorik überraschte. „Ich will einen demokratischen, zivilen und modernen Staat“, sagte er und versprach, eine Frau und einen Kopten als Vizepräsidenten zu ernennen.

 
 

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