Die Mittelschicht schrumpft

Michael Kohlstadt

An Rhein und Ruhr.  Die an sich in Deutschland stark ausgeprägte Mittelschicht schrumpft immer mehr zusammen. Einer Studie der Universität Duisburg-Essen zufolge ging der Anteil der Bezieher mittlerer Einkommen von 83 Prozent im Jahr 2000 auf 78 Prozent in 2013 zurück – trotz der seit Jahren anhaltend guten wirtschaftlichen Entwicklung im Land. Die Forscher bezeichneten dies als „besonders besorgniserregend“. In der Definition der Wissenschaftler gehört zur Mittelschicht, wer zum Beispiel als vierköpfige Familie zwischen knapp 26 000 und gut 86 000 Euro verfügbares Jahreseinkommen hat.

Die Ursachen für diese Entwicklung sehen die Forscher unter anderem im Auseinanderdriften des Arbeitsmarktes. Die Arbeitszeiten in Deutschland seien zunehmend ungleich verteilt. Auch dabei habe sich die Kluft zwischen den Schichten in den letzten 20 Jahren vergrößert. Zudem habe sich der Niedriglohnsektor immer weiter ausgebreitet. Immer weniger Haushalte der Unterschicht und der unteren Mittelschicht seien in der Lage, von ihren Erwerbseinkünften zu leben. Der Sozialstaat habe die wachsende Ungleichheit der Einkommen nur zum Teil auffangen können. Die Einführung des Mindestlohns Anfang 2015 und die aktuell üppigen Tarifabschlüsse könnten den Schrumpfungsprozess aber zumindest abbremsen, so die Forscher.

NRW-Arbeitsminister Guntram Schneider (SPD) bezeichnete im Gespräch mit der NRZ die Erosion der Mittelschicht als „hochgefährlich“, weil sie den gesellschaftlichen Zusammenhalt bedrohe. Die Mittelschicht sei so etwas wie der Kitt dieser Gesellschaft, sagte Schneider. Um die Erosion aufzuhalten, müsse mehr denn je in die Bildung investiert, eine aktive Arbeitsmarktpolitik betrieben und moderne Technologien gefördert werden, die die Produktivität steigern könnten.

Auch die Gefahr, in Armut zu geraten, ist in den letzten zehn Jahren gewachsen. Wie das Statistische Bundesamt gestern mitteilte, lag die Armutsquote 2014 bei 15,4 Prozent. Besonders hoch ist die Quote im Osten Deutschlands. Das Verarmungsrisiko lag 2014 in den neuen Bundesländern plus Berlin bei 19,2 Prozent. In den alten Bundesländern betrug die Quote 14,5 Prozent, in NRW stieg die Quote binnen eines Jahres von 17,1 auf 17, 5 Prozent. Als armutsgefährdet gelten Einpersonenhaushalte, wenn sie weniger als 917 Euro pro Monat zur Verfügung haben.