Die Mitglieder laufen davon

Berlin..  Vor ein paar Wochen trafen sich die Generalsekretäre der etablierten Parteien in Berlin zu einer Debatte in eigener Sache: Was tun gegen den Mitgliederschwund? Die Runde übte sich wie immer in Zuversicht: Mehr Dialog und mehr Mitgliederbeteiligung sollen die Parteien attraktiver machen, und ohnehin: „Was Besseres als die Parteien hat noch keiner erfunden“, tröstete CDU-General Peter Tauber seine Kollegen.

Doch der Optimismus der Spitzenleute steht im seltsamen Gegensatz zur tatsächlichen Entwicklung. Eine neue Studie des Berliner Politikwissenschaftlers Oskar Niedermayer, die dieser Zeitung vorliegt, kommt zu einem alarmierenden Ergebnis: Die Mitgliederzahlen der etablierten Parteien sinken auf breiter Front. Im vergangenen Jahr ging die Zahl der Mitglieder im Vergleich zum Vorjahr um drei Prozent zurück – in den Reihen von CDU, CSU, SPD, Grünen, Linken und FDP verschwanden 36 500 Mitstreiter.

1,2 Millionen Mitglieder weniger seit 1990

Noch dramatischer fällt die langfristige Bilanz aus: Seit 1990 haben die Parteien zusammen die Hälfte ihrer Basis verloren – ihr Mitgliederbestand schrumpfte von 2,4 Millionen im Jahr 1990 auf heute 1,2 Millionen.

Niedermayer ist einer der renommiertesten Parteienforscher Deutschlands, seine Untersuchungen gelten als besonders fundiert, weil ihm die Parteizentralen tiefen Einblick in ihre Daten gewähren. Für das Jahr 2015 ist seine Bilanz trübe. Dabei hatten die Parteien zuletzt verstärkt versucht, Mitglieder etwa übers Internet stärker zu beteiligen oder die Hürden für einen Eintritt mit Angeboten wie einer Schnuppermitgliedschaft abzusenken.

Es hat nichts geholfen. Größter Verlierer war im Vorjahr die SPD, deren Mitgliederzahl um 3,7 Prozent auf 442 814 zum Stichtag 31. Dezember 2015 schrumpfte. Die CDU nahm dagegen nur um 2,9 Prozent ab, kommt jetzt auf 444 400 Mitstreiter – und ist damit nach dreijähriger Unterbrechung wieder mitgliederstärkste Partei vor der SPD. Die CSU registrierte ein Minus von 1,5 Prozent (144 360), die FDP verlor 3,2 Prozent (53 197), die Grünen buchten einen Verlust von 1,5 Prozent (59 418) und die Linke schließlich von 2,6 Prozent (58 989).

Vermutungen, den Parteien würden die Mitglieder einfach wegsterben, werden durch die Studie widerlegt: Bei allen Parteien mit Ausnahme der FDP übersteigt die Zahl der Austritte deutlich die Zahl sowohl der Eintritte als auch der Todesfälle. Das Durchschnittsalter der Gesamtmitgliedschaft der sechs Parteien lag 2015 zwischen 50 und 60 Jahren, Niedermayer spricht von „Überalterung“. Nach wie vor unterrepräsentiert sind in allen sechs Parteien Frauen: Am besten schneiden noch die Grünen mit einem Frauenanteil von 38,6 Prozent ab, gefolgt von Linken (37,2) und SPD (32). In der CDU sind dagegen nur 25,9 Prozent der Mitglieder Frauen, in der FDP 22,8 Prozent und in der CSU 20,1 Prozent.

Die AfD ist in der Studie nicht aufgeführt, weil die Partei ihre Daten nicht übermittelt habe, wie Niedermayer sagte. Auf Anfrage dieser Zeitung gab die AfD ihren Mitgliederbestand für Ende 2015 mit 20 102 an, ein Jahr zuvor habe er bei 12 239 gelegen; als aktuellen Mitgliederstand nennt die AfD jetzt 22 451.

Der langfristige Abwärtstrend hat gravierende Folgen

Blickt man auf die Entwicklung seit 1990, hat es die Linke am stärksten getroffen. Sie hatte Ende 2015 vier Fünftel weniger Mitglieder als die PDS 1990. Die FDP büßte in diesem Zeitraum zwei Drittel ihrer Basis ein, die SPD mehr als die Hälfte, die CDU über zwei Fünftel und die CSU rund ein Fünftel. Nur die Grünen steigerten seit 1990 ihre Mitgliedschaft um fast die Hälfte.

Der langfristige Abwärtstrend bei den Mitgliederzahlen hat gravierende Folgen: „Es ist eine kontinuierlich abnehmende gesellschaftliche Verankerung der Parteien zu beobachten“, schreibt Niedermayer. 1990 waren 3,7 Prozent aller eintrittsberechtigten Bürger Mitglied in einer der etablierten Parteien, inzwischen hat sich der Anteil halbiert – auf 1,8 Prozent.

 
 

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