Die Inklusion kommt – aber wie soll das bitte funktionieren?

Auch Kinder mit Down-Syndrom können künftig in Regelschulen unterrichtet werden.
Auch Kinder mit Down-Syndrom können künftig in Regelschulen unterrichtet werden.
Foto: dpa
Die meisten Kinder mit Handicap sollen künftig in den normalen Schulbetrieb integriert werden – daran gibt es wohl keinen Zweifel mehr. Auf Sonderschulen kann trotzdem nicht völlig verzichtet werden. Obendrein fehlen noch eine Menge speziell ausgebildete Lehrer.

Düsseldorf.. Inklusion finden – im Prinzip – alle spitze: Das gemeinsame Lernen von behinderten und nicht behinderten Schülern ist überfällig. Möglichst viele Kinder mit Handicap sollen nicht länger auf spezialisierte Förderschulen gehen, sondern die Regelschule besuchen.

Nachdem der Gordische Knoten bei der Finanzierung der Inklusion durchschlagen ist, rücken erneut inhaltliche Zweifel am schnellen Erfolg der Systemumstellung in den Vordergrund. Udo Beckmann, Chef der Lehrergewerkschaft VBE, bringt es auf den Punkt: „Die Schulen haben die Sorge, dass sie nicht vorbereitet sind auf die Herausforderung, wenn es am ersten August losgeht.“

Die Verunsicherung bei den Eltern ist noch groß

In knapp vier Monaten gilt in NRW der Rechtsanspruch auf Inklusion und Teilhabe. Dann können Eltern zunächst in den Klassen 1 und 5 frei wählen, auf welcher Schule sie ihr Kind anmelden. Viele Eltern, Lehrer und Schüler aber sind verunsichert über die Lernbedingungen – zu große Klassen, zu wenig Sonderpädagogen und Integrationshelfer, fehlende Räume. Ein schwer lösbarer Zielkonflikt: Aus Sicht vieler Pädagogen kommt die Inklusion überstürzt, zahlreichen Eltern von Kindern mit Handicap aber geht die Inklusion nicht schnell genug. „Es besteht die Gefahr, dass die Politik die Inklusion vor die Wand fährt“, warnt Beckmann.

In inklusiven Schulen besuchen alle Kinder dieselbe Klasse, haben aber unterschiedliche Lehrpläne. Mehrere Lehrer gestalten den Unterricht und richten ihn auf die unterschiedliche Belastungssituation der Schüler aus.

Kinderschutzbund hält die Inklusion für notwendig

Ob im Rollstuhl oder mit Down-Syndrom – nicht nur der Kinderschutzbund hält die Teilhabe an der Regelschule für notwendig. Schon heute nimmt jeder vierte Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf am gemeinsamen Unterricht teil – bis 2017 soll der Anteil auf 50 Prozent steigen. Noch weiß aber niemand, wie sich die Anmeldezahlen entwickeln.

Dabei ist schon rechnerisch klar, dass nicht in jeder Regelklasse auch behinderte Kinder unterrichtet werden: Von 2,8 Millionen Schülern in NRW haben 118.000 zusätzlichen Förderbedarf. Fast 36 Prozent der Förderkinder sind lernbehindert, 20 Prozent emotional verhaltensauffällig.

Viele Förderschulen stehen auf der Kippe

Auch nach dem Rechtsanspruch auf Inklusion bleibt das Doppelsystem aus Regel- und Sonderschulen bestehen. Nicht jedes schwerbehinderte Kind ist aus Sicht von Experten integrierbar, in vielen Fällen – etwa bei schwersten geistigen Handicaps – halten auch Eltern die Förderschule für die geeignete Schulform. Allerdings stehen mit der Inklusion viele Förderschulen auf der Kippe: Schüler werden sich auf längere Anfahrtswege einrichten müssen.

Bis zum Schuljahr 2017/18 sollen 3215 zusätzliche Lehrer in Regelschulen dafür sorgen, dass das gemeinsame Lernen vorankommt. Lehrer- und Elternverbände halten das nicht für ausreichend und fordern 7000 neue Sonderpädagogen. Neben den Sonderpädagogen sollen Integrationshelfer und Schulpsychologen die Kinder im Alltag unterstützen. Insgesamt beziffert die rot-grüne Landesregierung die Kosten der Inklusion bis 2017 auf rund eine Milliarde Euro.

Es fehlen noch Sozialpädagogen

Niemand, weder Schule noch Lehrer oder Eltern, seien darauf vorbereitet, was Inklusion in der Praxis bedeutet, warnt Miriam Frink aus der Städteregion Aachen. Dass Inklusionsschulen rollstuhlgerecht sein müssen und über Aufzüge verfügen, ist dabei nicht das Problem. In modernen Schulen ist dies längst der Fall, zudem wird nicht jede Schule Inklusionsschule sein.

Weil der Anteil der Schüler mit sonderpädagogischem Bedarf bis zur Klasse 10 aber in den letzten Jahren auf 6,8 Prozent gestiegen ist, fehlen Sonderpädagogen. NRW stockt die Zahl der Studienplätze um 2300 auf – für den Rechtsanspruch 2014 kommt das allerdings zu spät.

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