"Die Chemie zwischen Merkel und Clinton würde stimmen"

Bonn. Wenn Hillary Clinton amerikanische Präsidentin wird, wäre Angela Merkel nur noch die zweitmächtigste Politikerin der Welt. Doch sie würden sich gut verstehen, die beiden kühlen, rationalen Frauen, sagt Merkel-Biograf Gerd Langguth.

Sie haben viel gemeinsam. Sie sind erfolgreich, machtbewusst und gelten eher als nüchterne Kopfmenschen. Und bald könnten sie sich auf der internationalen politischen Bühne gegenüberstehen. Höchste Zeit für einen Vergleich zwischen Hillary Clinton und Angela Merkel. Im Gespräch mit DerWesten erklärt Gerd Langguth, Politologie-Professor an der Universität Bonn und Merkel-Biograf, was die beiden Frauen verbindet, was sie trennt und warum Hillary ihren Bill besser zu Hause gelassen hätte.

Was ist die auffälligste Parallele zwischen Angela Merkel und Hillary Clinton?

Gerd Langguth: Clinton ist schon seit ihrer Zeit als Präsidentengattin eine äußerst polarisierende Figur. Aber beide haben gemeinsam, dass sie sich auf sachliche Themen stürzen. In Amerika wird jedoch das Frausein von Hillary Clinton viel stärker thematisiert, vor allem von ihren konservativen Gegnern. Und das in einer Form, die in Deutschland niemand wagen würde. Beispielsweise gab es Journalisten, die über ihre Falten im Gesicht spotteten. Und ein konservativer Talkmaster sagte, niemand wolle eine Frau im Präsidentenamt altern sehen. Das sind Aussagen, die würde in Deutschland so jemand nie machen.

Nun hat man sich am Anfang ja auch über das Aussehen von Frau Merkel lustig gemacht, beispielsweise über ihre Frisur.

Langguth: Ja, das stimmt, aber das hat nie solche Ausmaße wie jetzt bei Hillary angenommen. Merkel hält sich mit allem, was mit ihrem Aussehen und ihrer Körperlichkeit zu tun hat, sehr zurück. Erst im Wahlkampf hat sie erkannt, dass das Aussehen wichtig ist. Bei Frauen ist das ein eigenständiges Thema neben den politischen Inhalten. Alles, was Frauen in dieser Hinsicht machen, wird in einer männerdominierten Welt der Politik viel intensiver beleuchtet als bei Männern.

Merkel und Clinton wirken jedoch beide wenig emotional und halten ihr Frausein eher zurück. Braucht eine Spitzenpolitikerin männliche Attribute, um Erfolg zu haben?

Langguth: Ja das scheint so. Deshalb sind beide eher sachorientiert. Wenn Politikerinnen sich zu sehr auf das Frausein konzentrieren, hat das eher negative Konsequenzen. Denken sie nur an Ségolène Royal, die das Frausein besonders herausgestellt hat. Da wird dann leicht unterstellt, dass sie sonst nichts zu sagen hat. Das ist das Dilemma von Frauen in der Politik. Und diesem Schicksal wollen Merkel und Clinton entgehen. Gleichwohl hat Hillary Clinton mit ihrer kühlen, rationalen Art derzeit mehr Probleme. Sie muss feststellen, dass Obama Wärme und Emotionalität einbringt und dass das sehr gut bei den Menschen ankommt. Ähnlich kühl und rational wirkte ja auch Merkel noch im Wahlkampf.

Viele Spitzenpolitikerinnen werden irgendwann einmal mit Maggie Thatcher verglichen. Wer ist ihr ähnlicher? Merkel oder Clinton.

Langguth: Ich denke, beide würden nicht gerne mit Maggie Thatcher verglichen werden. Thatcher war zwar erfolgreich, aber mit ihrer Art, die viele als brachial empfunden haben, vertrat sie einen Politikstil, den in Deutschland niemand will. Dennoch finde ich, dass Frauen insgesamt wesentlich konsequenter sein können. Auch wenn Frau Merkel als Kanzlerin jetzt viel moderieren muss. Bei der Durchsetzung ihrer machtpolitischen Ziele ist sie äußerst konsequent. Und geht weniger Kompromisse ein, als es Männer an ihrer Stelle tun würden.

Doch wie pragmatisch ist Angela Merkel wirklich. Hätte sie Bill seine Eskapaden auch verziehen?

Langguth: (Lacht) Das ist eine sehr theoretische Frage, die sich so nicht stellen wird.

Woran erkennt man, dass Deutschland derzeit von einer Frau regiert wird?

Langguth: Der Regierungsstil einer Frau ist anders. Angela Merkel nimmt sich mehr zurück, orientiert sich mehr an den Fakten. Bei ihr ist es allerdings eine Mischung aus Frau und Naturwissenschaftlerin. Als solche hat sie eine andere Herangehensweise an die Politik als beispielsweise ein Historiker wie Helmut Kohl oder ein Jurist wie Gerhard Schröder.

Merkel ist bekannt als Zuhörerin, die die Dinge lange beobachtet und zuerst Konflikte moderiert, bevor sie sie mit einem Machtwort entscheidet. Wie würde Clinton regieren?

Langguth: Beide Frauen sind in ihrem Naturell sehr ähnlich. Aber die politischen Systeme sind sehr unterschiedlich. In Deutschland kann ein Basta-Kanzler nur scheitern, wie das Beispiel von Gerhard Schröder gezeigt hat. Die Machtfülle einer amerikanischen Präsidentin ist dagegen ungleich höher. Und die Konsensfähigkeit ist in der amerikanischen Politik längst nicht so stark ausgeprägt. Deshalb würde Clinton versuchen, bei ihr wichtigen Themen, wie der Gesundheitspolitik, klare Entscheidungen zu treffen.

Clinton baut sehr auf die Ausstrahlung ihres Mannes. Merkel hält ihren Gatten dagegen aus der Politik völlig raus.

Langguth: Zunächst ist es sehr fraglich, ob Bill Clinton seiner Frau im Wahlkampf bisher geholfen hat. Er hat sogar durch missverständliche Äußerungen insbesondere die schwarze Bevölkerung sehr gegen Hillary aufgebracht. Deshalb wird er im Moment eher im Hintergrund gehalten. Andererseits genießt Bill Clinton natürlich nach wie vor ein hohes Ansehen. Wenn daraus aber zu sehr eine geliehene Autorität für Hillary entwickelt würde, wäre das für ihr Profil nicht sehr gut. Ich halte es für besser, Familienangehörige in Wahlkämpfen nicht zu sehr nach vorne zu stellen. Das untergräbt die eigentliche Kompetenz des Kandidaten. Dass Angela Merkels Ehemann so eine geringe Rolle spielt, hängt jedoch mit seiner Öffentlichkeitsscheu zusammen. Er will eben nicht die Rolle eines deutschen Denis Thatcher spielen, der die Handtasche seiner Frau getragen hat. Aber inzwischen macht ihm zumindest die Welt der internationalen Diplomatie Spaß, sodass er seine Frau ab und zu auf Auslandsreisen begleitet.

Auch sonst versammelt Merkel in ihrem engsten Mitarbeiterkreis eher Frauen um sich. Traut sie dem männlichen Intellekt in der Politik weniger zu?

Langguth: Es ist wahr, Merkels wichtigste Vertraute ist eine Frau, ihre Büroleiterin Frau Baumann. Sie hat den stärksten Einfluss auf sie. Merkel hat bestimmten Frauen gegenüber ein hohes Maß an Offenheit. Doch nachdem sie Kanzlerin wurde, hat sie auch eine Reihe smarter, jüngerer Männer als Abteilungsleiter im Kanzleramt eingesetzt. Aber das sind alles Leute, die nicht sich selbst als Person verkaufen, sondern nach innen wirken.

Wenn Hillary Clinton Präsidentin werden sollte. Könnten die beiden es gut miteinander?

Langguth: Die Chemie zwischen Merkel und Clinton würde zweifelsohne stimmen, zumal es schon so etwas wie eine Frauensolidarität gibt. Die würde sich auch auf der hohen Ebene von Staatsfrauen entwickeln. Die hätte sich auch zwischen Merkel und Ségolène Royal entwickelt, unabhängig von den politischen Unterschieden.

Was hätte die Bundesrepublik von einer Präsidentin Clinton zu erwarten? Wie deutschlandfreundlich ist sie?

Langguth: Bei ihr könnte man am ehesten die zukünftige Politik einschätzen. Generell wäre jedoch bei jedem Kandidaten ein Politikwechsel zu erwarten, weg von dieser Supermacht-Politik eines George W. Bush, der die Bündnispartner durch Alleingänge immer vor vollendete Tatsachen gestellt hat. Die Kooperation wird im Stil sehr viel freundlicher. Deshalb wird das Verhältnis zwischen Deutschland und den USA jedoch nicht weniger kompliziert. Denn wenn die Amerikaner in diplomatisch freundlicherer Weise internationale Unterstützung abverlangen, wird es sehr viel schwerer, nein zu sagen.

 
 

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