Die Bühne gehört Wulff

Hannover..  Christian Wulff hatte sich warmgeredet. „Ich habe in 37 Jahren als Politiker keine Zuwendungen angenommen“, ließ der Ex-Bundespräsident die Zuhörer im Saal 127 des Landgerichts Hannover wissen. Jede private Briefmarke habe er auch privat bezahlt. Und dann, direkt an die gegenübersitzenden Staatsanwälte gerichtet: „Die persönlichen Schäden, die meine Familie und ich erlebt haben, werden bleiben, wahrscheinlich ein Leben lang.“

Knapp zehn Minuten vor Verhandlungsbeginn hatte Wulff den Saal betreten. Schlank und ohne Brille, aber nicht mehr so mitgenommen wie noch früher im Jahr. Den mitangeklagten Filmunternehmer David Groenewold begrüßte Wulff freundlich.

Während Wulff schon draußen auf dem Platz vor dem Gericht, umlagert von Journalisten, ein kurzes Statement abgegeben hatte („Ich bin mir ganz sicher, dass ich auch den allerletzten Vorwurf ausräumen werde, weil ich mich immer korrekt verhalten habe im Amt“), war Groenewold zwanzig Minuten früher fast unerkannt ins Gericht spaziert. Der Berliner Filmunternehmer soll mit der Übernahme von Hotel- und Restaurantkosten Wulff für Geschäftsinteressen gewogen gestimmt haben. Wulff droht nun eine Verurteilung wegen Vorteilsnahme.

Die Bühne gehört Wulff

Das Verlesen der Anklage dauert nur wenige Minuten, die Vorwürfe sind seit langem bekannt: Bei einem Oktoberfest-Besuch Wulffs im Herbst 2008 soll Groenewold ein Essen für 209,40 Euro bezahlt haben, dazu 110 Euro für einen Babysitter sowie 400 Euro Hotelkosten. Wulff war seinerzeit mit Ehefrau Bettina und Sohn Linus angereist. Es sei vereinbart gewesen, dass Groenewold Wulff von Logis- und Bewirtungskosten freistelle, soweit nicht die Landes-CDU dafür aufkomme, so die Staatsanwälte.

Vereinbart? Das deutet, falls Wulff eine Gegenleistung erbrachte, wieder stark in Richtung Bestechlichkeit – so hatte die Anklage auch ursprünglich gelautet, bevor das Gericht sie herunterstufte.

Am ersten Prozesstag gehörte die Bühne Wulff. 45 Minuten lang präsentierte er dem Gericht und der Öffentlichkeit seine Sicht der Dinge. In beispielloser Weise sei sein Privatleben ausgeforscht worden, eine Million Dateien und 400 Aktenordner seien sichergestellt worden. Gebracht habe das alles nichts. „Ich bekenne mich zu meinen Fehlern und habe außerordentlich viel gelernt“, versicherte Wulff. Die Vorwürfe seien jedoch absurd und ehrabschneidend.

So habe er im „Bayerischen Hof“ bei der Abreise 570 Euro Hotelkosten bezahlt. „570 Euro kam mir nicht auffällig vor“, sagte Wulff. Aufgefallen sei ihm lediglich, dass der Betrag für den Babysitter auf der Rechnung fehlte. Er habe Groenewold dieses Geld dann bar erstattet. Dass Groenewold 400 Euro auf seine Rechnung genommen habe, habe er erst im Januar 2012 erfahren und sei darüber verärgert gewesen, betonte Wulff.

„Champagner ist nicht meine Welt“

Groenewold wiederum ließ erklären, ihm sei es peinlich gewesen, dass er Wulff bei der Reiseplanung einen weit niedrigeren Zimmerpreis genannt habe. So habe er diskret einen Teil der Rechnung übernommen. Groenewold sei vom Wesen her einladend, erklärte Wulff. Ob er und seine Frau mit Groenewold gegessen hätten, sei ihm beim besten Willen nicht mehr erinnerlich, so Wulff zum Vorwurf um die Rechnung für 209,40 Euro.

Man habe sich aber oft gegenseitig eingeladen. Im „Käfer“-Festzelt habe er unter anderem mit Verleger Hubert Burda gesprochen. Auch dessen Frau, Tatort-Kommissarin Maria Furtwängler, sei wichtig für Niedersachsen, weil die Krimiserie das Bild des Landes mit präge. „Ich meinte, da muss sich Niedersachsen mal zeigen“, so Wulff.

Weil dem Alkohol-Verächter Wulff der Champagner-Kühler auf dem Tisch peinlich wahr, wanderte der unter den Tisch, der Fotografen wegen. „Das ist nicht meine Welt, mit Champagner im Käfer-Festzelt“, sagte Wulff. Sich so porträtiert zu sehen, brachte ihn noch vor Gericht in Rage.

Die Staatsanwälte mussten hinnehmen, dass die Bühne am ersten Tag Wulff gehörte. Was sie wirklich in Händen haben, das werden erst Zeugenbefragungen zeigen.

 
 

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