Deutsche Marineschiffe sind auf Waffensuche vor Beirut

Vor der wieder aufgebauten Metropole Beirut: Deutscher Marinesoldat auf dem Minensuchboot Passau. Foto: Matthias Korfmann
Vor der wieder aufgebauten Metropole Beirut: Deutscher Marinesoldat auf dem Minensuchboot Passau. Foto: Matthias Korfmann
Foto: WAZ
Seit sechs Jahren patrouillieren deutsche Marineschiffe vor dem Libanon. Sie sollen den Waffenschmuggel über See verhindern. Die Soldaten verstehen sich als „Entwicklunghelfer“ und sind im Land besser angesehen als ihre Kameraden aus Frankreich und Italien.

Beirut.. Es ist eine in Deutschland fast unbekannte Mission. Seit sechs Jahren patrouillieren deutsche Marineschiffe vor dem Libanon. Ihr Auftrag ist erstens: den Waffenschmuggel in eine der explosivsten Regionen der Welt verhindern. Und zweitens: die ­libanesische Marine so zu trainieren, dass sie den Job irgendwann selbst machen kann.

Auslandseinsätze der Bundeswehr sind heikel. In Afghanistan führt die Truppe Krieg und mancher Soldat dort wünscht sich mehr Rückhalt aus der Heimat. Andere zweifeln am Sinn ihres Kampfes. Vor der Küste des Libanon ist das anders. Wer bei der Unifil-Mission mitmacht, wird nicht schief angesehen. Die Deutschen mit den blauen UN-Mützen sind willkommen.

Einsatz im Nahen Osten – das klingt nach Schrecken ohne Ende. Ist es aber nicht. Kai-Uwe H. (20), Hauptgefreiter auf dem Minensuchboot „Passau“, bleibt cool. Er schaut raus Richtung Küste, wie es Seeleute gerne tun, aber eine Smog-Wolke von verbrannten Abfällen verschleiert ihm den Blick. Die Sicht ist so ver­nebelt wie die Zukunftsaussichten des Libanon. Kai-Uwe sieht sich als Entwicklungshelfer: „Ich helfe dabei, dass die Libanesen ihr Land aufbauen können. Das macht mich stolz“, sagt der Soldat. Und: „Unifil ist nicht der bekann­teste Auftrag, aber das ist wohl auch gut so.“ Leonie H. (28), 2. Wachoffizier, schwärmt gar vom „Schönwetter-Einsatz“. Nicht, weil hier stets die Sonne schiene, sondern weil Land und Leute den Deutschen nicht als Feinde erscheinen.

„Wir sind ehrliche Makler“

Es hat Anschläge gegeben auf Unifil-Bodentruppen. Drei allein im letzten Jahr auf Italiener und Franzosen. Die Deutschen können sich in Beirut ­relativ sorglos bewegen, wenn auch in zivil. Fregattenkapitän Gerald Koch (50), Chef des Einsatzverbandes, sagt: „Wir Deutsche gelten als ehrliche Makler. Wir stehen nicht im Verdacht, hier eigene Interessen durchsetzen zu wollen.“

Es ist eine kleine Multikulti-Flotte, die vor Beirut, Sidon und Tripoli ein Seegebiet von der Größe Schleswig-Holsteins kontrolliert. Drei deutsche Schiffe („Werra“, „Ensdorf“, „Passau“) mit 240 Soldaten sind dabei, zwei Kriegsschiffe aus Bangladesch, je eines aus Indonesien, Griechenland und der Türkei. „Kopf“ der Mission ist Brasilien mit der Fregatte „Uniao“.

„Unifil“ steht für „United Nations Interim Force in Lebanon“. Von „Interim“, also Übergangslösung, kann indes keine Rede sein. Der Beginn von Unifil geht auf das Jahr 1978 zurück. Damals hatte Israel Teile des Libanon nach einer Palästinenser-Attacke in Tel Aviv besetzt. Deutschland ist seit dem Krieg zwischen Israel und der libanesischen Hisbollah, der radikal-schiitischen „Partei Gottes“, im Jahr 2006 mit dabei. Damals sah die UNO eine „Gefahr für den Weltfrieden“ und schickte eine 15 000 Mann starke ­Friedenstruppe – Wächter einer ständigen Waffenruhe zu Lande und vor der Küste. Das Unifil-Mandat des Bundestages gilt vorläufig bis Ende Juni 2012..

Praktisch jedes Wasserfahrzeug, vom Tanker bis zur Rettungsinsel, können die Wächter auf See erkennen. Neun Küstenradarstationen, finanziert von der Bundesrepublik und besetzt mit libanesischem Militär, „scannen“ gleichzeitig das Meer. „Wer auf Anruf ­unwillig reagiert, wer etwas erzählt, was nicht mit den Infos auf dem Radar übereinstimmt, den empfehlen wir den libanesischen Behörden zur Kon­trolle“, erklärt Oberleutnant Leonie H. von der „Passau“.

Wahr ist aber auch: Bemerkenswerte Waffenfunde hat es nie gegeben. Vielleicht, weil die Kontrolle auf See ­abschreckt. Vielleicht, weil die Musik woanders spielt. Markus K., ziviler Sicherheitsbe­rater bei Unifil und früher Polizist in Dortmund, sagt, was nicht nur Insider wissen: „Waffen gelangen über die syrische Grenze ins Land. Die libane­sische Armee kommt in manche Regionen gar nicht rein.“ Kapitänleutnant Fadl Sleem, Kommandant des größten ­libanesischen Marineschiffes „Tabarja“, gibt zu: „Kontrolle an Land ist schwierig.“

Traumhafte Vermögen, armer Staat

Die „Tabarja“ ist ein Geschenk aus Deutschland. Früher fuhr sie als Sicherungsboot „Bergen“ auf der Ostsee. Auch zwei ehemalige deutsche Polizeiboote gehören heute zur ­libanesischen Flotte. Admiral Nasih Baroudi, ein freund­licher älterer Herr mit Vor­liebe für Süßspeisen, lässt Schokoladenkuchen servieren und bedankt sich bei den Deutschen für die „Wiedergeburt“ der libanesischen Marine und für das „besonders gute Verhältnis“. Sein Lob ist nicht allein arabischer Höflichkeit geschuldet. Der Admiral kann zufrieden sein. In der Marineschule in Flensburg lernen auch libanesische Offiziers­anwärter ihr Handwerk. In Beirut bringt die Bundeswehr ihren libanesischen Kameraden alles bei: vom Knoten bis hin zur See-Überwachung.

Dennoch: Verglichen mit der Metropole Beirut, die 20 Jahre nach Ende des Bürgerkriegs wieder mit allem Protz aufwartet, ist die Ausstattung dieser Marine mit ihren 47 meist kleinen Fahrzeugen bescheiden. Die „Tabarja“ hatte 2008 einen Wert von 400 000 Euro. Kommandant Sleem zeigt auf einen der Glitzer­türme, die den Hafen säumen: „Zehn Millionen Dollar kostet dort eine Etage.“ Sleem muss schlucken, wenn er an solche Summen denkt. Sein Lohn ­beträgt gut 2000 Dollar, sein ganzer Stolz ist ein gebrauchter Mercedes. Im Libanon stecken märchenhafte private Vermögen, aber der Staat – und damit die Armee – ist arm.

Was wäre, wenn sich Deutschland im Sommer verabschiedete? Ein deutscher Korvettenkapitän reagiert auf diese Frage nachdenklich: „Die Möglichkeiten der Libanesen zur Küstenüberwachung sind weit fortgeschritten, aber nicht nachhaltig. Ich kann nicht sagen, ob die Libanesen in fünf Jahren ihre Küste überwachen können. Wenn wir uns jetzt verabschieden würden, dann wären wohl in fünf Jahren sämtliche Fortschritte wieder verloren.“

 
 

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