Der Vordenker vom Hudson-River

New York. Srgjan Kerim (59) profiliert das Amt des Präsidenten der UN-Generalversammlung neu und stellt die Rechte des Individuums ins Zentrum seiner Reformen

Srgjan Kerim profiliert das Amt des Präsidenten der Generalversammlung der Vereinten Nationen wie keiner seiner Vorgänger. Von Klima über Terror bis hin zur UN-Reform drückt er der Weltorganisation seinen Stempel auf. Unser Korrespondent Thomas J. Spang traf den agilen Vordenker am Sitz der Vereinten Nationen.

Von seinem Schreibtisch in der zweiten Etage geniest Srgjan Kerim (59) die Aussicht auf den Hudson River, der träge an der UN-Zentrale vorbei strömt bevor er irgendwo in der Ferne im Horizont verschwindet. Ein Ausblick, der so weit reicht wie die Visionen des Präsidenten der 62ten Generalversammlung. Dem ehemaligen Außenminister der Republik Mazedonien schwebt eine Weltorganisation vor, die eine Antwort auf die Herausforderungen der Globalisierung findet. „Mit dem individuellen Bürger im Mittelpunkt,“ wie Kerim im Gespräch mit unserer Zeitung betont.

Der feinsinnige Kosmopolit, der sechs Sprachen - darunter Deutsch - fließend spricht, will seine Zeit an der Spitze der UN-Generalversammlung der Vereinten Nationen bis Ende August intensiv nutzen, „eine neue Kultur der internationalen Beziehungen“ voranzutreiben. Ein Konzept, das über die Idee der Souveränität der Staaten hinausgeht und auf vier Säulen beruht: Dem Recht auf persönliche Sicherheit, die Verantwortung der Staaten für ihre Bevölkerung, individuelle Menschenrechte und das Prinzip der nachhaltigen Entwicklung.

Geprägt vom 11. September

Alles nur Theorie? Nicht für Kerim, für den die Reform der Vereinten Nationen eine ganz persönliche Dimension hat. Geprägt durch die Ereignisse des 11. September, die er von seinem Apartment im 60ten Stock des Trump-Tower als Augenzeuge erlebte. Von hier aus musste der damalige UN-Botschafter mit ansehen, wie das zweite Flugzeug in den Südturm des World Trade Centers raste. „Szenen, die mich zutiefst erschüttert haben und ich mein Leben lang nicht mehr vergessen werde.“

Die Katastrophe veränderte Kerims Ausblick auf die Welt, auf die Vereinten Nationen und seine Arbeit. „Ich habe verstanden, dass in der globalisierten Welt jeder angreifbar und verwundbar ist“. Gegenseitige Abhängigkeit sei nicht bloss eine Phrase, sondern eine Realität, auf die sich internationale Organisationen und die Vereinten Nationen mehr denn je einstellen müssen.

"Ich habe keinen Boss"

Als Präsident der Generalversammlung versucht Kerim, die UNO in diese Richtung zu bewegen. Während Ban-Ki-Moon als eine Art ernannter Geschäftsführer der Vereinten Nationen tätig ist, stützt Kerim sein Amt auf die Wahl der 192 Mitgliedsstaaten. Eine Rolle, die oft nicht richtig verstanden wird. Schmunzelnd erzählt Kerim, wie ihn noch kürzlich eine amerikanische Star-Moderatorin danach fragte, was sein Chef eigentlich mache. „Ich musste sie enttäuschen. Ich habe keinen Boss“.

Tatsächlich trat der Präsident der Vollversammlung in der Vergangenheit immer nur dann öffentlich in Erscheinung, wenn er bei der Jahrestagung dem US-Präsidenten und anderen Staatsmännern das Wort erteilte. „Das ist die leichteste Aufgabe,“ findet der ehrgeizige Pragmatiker, der das Amt in einer neuen Weise inhaltlich profiliert. „Ich habe meinen Führungsauftrag genutzt, mit ein paar Tabus zu brechen.“

Auf seine Initiative hin diskutieren die Mitgliedsstaaten über den Klimaschutz, die Umsetzung der Millenium-Ziele bis zum Jahr 2015, den Kampf gegen den Terrorismus, die Reform des Sicherheitsrats oder nachhaltige Entwicklung - allesamt Prioritäten, die das brisante Thema der Übertragung von Souveränitätsrechten weg von den Staaten hin zu den Individuen akzentuieren. Keine kleine Errungenschaft in einem Gremium, in dem nicht wenige Mitglieder auf Nicht-Einmischung als Leitprinzip der internationalen Beziehungen beharren.

Ein Manager des WAZ-Konzerns

Als Manager des deutschen WAZ-Konzerns für Südosteuropa, weiß Kerim, was es braucht, große Ziele in kleine Schritte umzusetzen. Zumal die Zeit knapp bemessen ist. Dazu gehört eine Aufwertung der Präsidentschaft der Vollversammlung, die es den Mitgliedsstaaten erlaubt, die im Sicherheitsrat artikulierten Interessen der Großmächte auszubalancieren. „Die Vereinten Nationen können nur sein, was der Wille ihrer Mitglieder erlaubt,“ gibt Kerim zu bedenken.

Muss man Optimist sein, seine Kraft darauf zu verwenden, einen schwerfälligen Tanker wie die UNO auf Reformkurs zu bringen? „Manchmal sieht es wie eine Sisyphusarbeit aus,“ räumt der krisenerprobte Diplomat ein, der seine Heimat während der Balkankrise in Deutschland und der Schweiz als Botschafter vertrat. „Doch angesichts der Herausforderungen durch Globalisierung und Klimawandel gibt es keine Alternative dazu“.

 
 

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