Der Streit ums Turbo-Abi ist in NRW voll entbrannt

Matthias Korfmann und Christopher Onkelbach
Debatte um das Turbo-Abitur in NRW geht weiter.
Debatte um das Turbo-Abitur in NRW geht weiter.
Foto: Archiv/dpa
Lehrergewerkschaften fordern, die Sekundarstufe I an Gymnasien wieder auf sechs Jahre zu verlängern. Bildungsforscher warnt vor „Zwei-Klassen-Abitur“.

Essen. Der Streit über das so genannte „Turbo-Abitur“ in NRW wird immer intensiver geführt. Jetzt fordern zwei große Lehrergewerkschaften die Landesregierung auf, die Sekundarstufe I an Gymnasien wieder von fünf auf sechs Jahre zu verlängern. Die Schulzeitverkürzung solle stattdessen in die Oberstufe verlagert werden, sagten die Landesvorsitzenden der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) und des Verbandes Bildung und Erziehung (VBE) zur WAZ.

„Wir brauchen Flexibilität in der Oberstufe. Die Schüler dort sollten innerhalb von zwei bis vier Jahren zum Abitur geführt werden“, meinte GEW-Landeschefin Dorothea Schäfer. Eine solche Reform brauche aber Zeit. Von Schnellschüssen riet sie ab. VBE-Chef Udo Beckmann brachte eine reformierte Oberstufe ins Gespräch, die manche Schüler nach zwei und andere nach drei Jahren zur Hochschulreife führt.

Zuvor hatte die Landeselternschaft der Gymnasien eine repräsentative Umfrage veröffentlicht. Danach sind rund 80 Prozent der Eltern für eine Rückkehr zur neunjährigen Gymnasialzeit (G9). Auch viele Schulleiter von Gymnasien kritisierten die Schulzeitverkürzung auf acht Jahre (G8).

Experte: „G8 zieht die besseren Schüler an“

Die Umfrage war von dem renommierten Bielefelder Bildungsforscher Rainer Dollase begleitet worden. Er meint, das G8-System belaste viele Schüler und beeinträchtige die Studierfähigkeit mancher Schulabgänger. Dollase warnte davor, dass sich in NRW ein „Zwei-Klassen-Abitur“ entwickeln könnte: „G8 zieht die besseren Schüler an. Die Landespolitik muss sich fragen, ob sie es will, dass eine Elite das Abi nach acht Jahren am Gymnasium macht und die anderen nach neun Jahren an einer Gesamtschule.“ Das Schulministerium wies diesen Vorwurf zurück. Das 2007 eingeführte Zentralabitur belege, dass Gesamtschüler genauso gut abschnitten wie Gymnasiasten.

Die Schulleitungsvereinigung der Gesamtschulen kritisierte den Vorsitzenden der Landeselternschaft der Gymnasien, Ulrich Czygan. Dieser hatte gesagt, 90 Prozent der Eltern würden dem Gymnasium den Vorzug vor der Gesamtschule geben, wenn sie die Wahl hätten. Der Sprecher der Gesamtschulleiter, Mario Vallana, warf dem Elternvertreter daraufhin „Stammtischniveau“ vor. G9 an Gesamtschulen biete ein besseres Schulklima, besonders engagierte Lehrer und „größere Muße“.

Die Landesregierung hat viel unternommen, um die Diskussion über die verkürzte Gymnasialzeit (G8) zu befrieden. Vergebens. Das Thema kocht immer wieder hoch, obwohl NRW-Schulministerin Sylvia Löhrmann (Grüne) extra einen „Runden Tisch“ eingerichtet hatte. Die Gesprächspartner dort wollten an G8 festhalten, forderten aber Entlastung für die Kinder: weniger Hausaufgaben und Klausuren, weniger Unterricht am Nachmittag.

Wird G8 zum Wahlkampf-Thema?

Auch die Strategie der rot-grünen Landesregierung, den Schulen selbst die Wahl zwischen G8 und G9 zu überlassen, änderte im Grunde nichts. Nur zwölf von rund 600 Gymnasien entschieden sich wieder für die längere Schulzeit G9. Die jüngste Umfrage im Auftrag der Landeselternschaft der Gymnasien zeigt einmal mehr: Viele Eltern lehnen G8 rigoros ab. Der Chef des Verbandes Bildung und Erziehung, Udo Beckmann sagte: „Man wird das Thema nicht aussitzen können. Es rächt sich jetzt, dass die Schulzeitverkürzung umgesetzt wurde, ohne die Konsequenzen zu Ende zu denken und ohne eine spürbare Entrümpelung der Lehrpläne vorzunehmen.“ Wenn es zu keiner baldigen Befriedung des Themas komme, werde es die Landtagswahlen dominieren.

So groß der Unmut unter Lehrern, Eltern und Schülern über die 2005 von der schwarz-gelben Landesregierung eingeführten verkürzten Gymnasialzeit ist – einen Nachteil scheinen die Schüler nach Einschätzung vieler Wissenschaftler dadurch nicht zu haben. Mehrere Studien konnten weder nachlassende Leistungen noch eine geringere Lebensqualität bei G8-Schülern feststellen. Der schnelle Weg zum Abi ist demnach nicht schlechter als der langsamere. Stress hätten die Schüler zwar, doch das liege nicht unbedingt an G8, sondern mehr am Unterricht oder dem „Schulklima“.

Die zwei Geschwindigkeiten bis zum Abi bringen keine Nachteile, ergab eine Untersuchung der Uni Duisburg-Essen aus dem Jahr 2014. „Wer den längeren Bildungsweg gegangen ist, hat weder ein besseres Abi gemacht noch haben zwölf Schuljahre schlechter auf die Anforderungen des Studiums vorbereitet“, fasst Professorin van Ackeren zusammen. Im Streit um G8 werde oft auch ausgeblendet, dass die Schulzeitverkürzung vor allem die Sekundarstufe I betrifft, während die gymnasiale Oberstufe weiterhin drei Jahre dauert.

Eine sachliche Debatte ist offenbar nicht möglich

Der Bildungsmonitor des wirtschaftsnahen Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) kam 2014 zu einem ähnlichen Ergebnis. „Die Aufregung um G8 ist empirisch nicht belegbar“, sagte IW-Forscher Axel Plünnecke. Es könnten bei Stress, Freizeitverhalten oder Schulleistungen weder eindeutig positive noch eindeutig negative Effekte festgestellt werden. Auch eine Erhebung des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) ergab: Die Abi-Noten seien seit der Umstellung auf G8 konstant geblieben. Auch die Zahl der Abiturienten sei nicht gesunken.

Svenja Mareike Kühn von der Uni Duisburg-Essen findet, die Debatte ums „Turbo-Abi“ sei emotional aufgeladen. Wissenschaftliche Befunde fänden kaum Gehör. Kühn rät von der Rückkehr zu G9 ab und plädiert für Nachbesserungen beim „Turbo-Abi“.