Der Papst schlägt beim Thema Sex ein neues Kapitel auf

Wer „Amoris Laetitia – über die Liebe in der Familie“ für ein glasklares Machtwort hielt und eine Liberalisierung im großen Stil erwartet hatte, wird enttäuscht sein. Das nachsynodale Schreiben von Papst Franziskus zu Ehe und Familie birgt nichts Revolutionäres. In keiner Zeile gibt er den Basta-Papst, der den Vatikan und die Weltkirche in seinen Grundfesten erschüttert; die 188 Seiten aus Franziskus’ Feder sind für das katholische Kirchenvolk folglich kein weiter Satz. Aber sie offenbaren eine (Real-)Politik der kleinen Schritte.

Immerhin? Immerhin!

Was sich wie ein roter Faden durch die Amtszeit des Kirchenoberhaupts zieht und sich auch in seinem aktuellen Schreiben wiederfindet, hat der Wiener Erzbischof Christoph Schönborn gestern treffend in einem knappen Satz zusammengefasst: „Etwas in der Sprache der Kirche hat sich verändert.“ Franziskus hat nicht mehr die reine Kanzel-Perspektive, sondern versucht, dem Menschen auf Augenhöhe zu begegnen. Das Ideal einer lebenslangen Ehe bleibt erhalten; dass eine menschliche Biografie aber immer auch Brüche aufweisen kann, wird angenommen.

Da sind die wiederverheirateten Geschiedenen, denen der Argentinier zumindest vage Hoffnungen machen möchte, an der Kommunion teilnehmen zu können. Das wird aber fortan eine Einzelentscheidung des Priesters vor Ort sein. Oder wie es im Papst-Schreiben ziemlich verklausiert heißt: „Es ist nur möglich, eine neue Ermutigung auszudrücken zu einer verantwortungsvollen persönlichen und pastoralen Unterscheidung der je spezifischen Fälle.“ Und er betont in diesem Zusammenhang den Gedanken der Vergebung. „Niemand“, so der Papst weiter, „darf auf ewig verurteilt werden, denn das ist nicht die Logik des Evangeliums.“ In diesen Kontext gehören seiner Auffassung nach alle Menschen, die in sogenannten „irregulären“ Lebenssituationen sind, also auch Gläubige, die ohne Trauschein zusammenleben.

Erstaunlich klar und so bislang noch nicht gewagt äußert sich der Papst zum Thema Erotik und Freude am Sex. „Wir dürfen also die erotische Dimension der Liebe keineswegs als ein geduldetes Übel oder als eine Last verstehen (...), sondern müssen sie als Geschenk Gottes betrachten, das die Begegnung der Eheleute verschönert.“ Verhütung, Sterilisation oder Abtreibung lehnt der Papst jedoch weiterhin ab.

Noch zurückhaltender bleibt Franziskus bei dem innerkirchlichen Streitthema, wie künftig mit Homosexualität umzugehen ist. In dieser Frage war der Gegenwind der Konservativen im Klerus offenbar erheblich. Franziskus belässt es in seinem Schreiben bei einer kurzen Passage, in der er betont, jeder Mensch müsse „unabhängig von seiner sexuellen Orientierung in seiner Würde geachtet und mit Respekt aufgenommen werden“. Eine Gleichstellung mit der Ehe zwischen Mann und Frau bleibt für den Vatikan offenbar jedoch so fern wie der Mars.

Von seinen Priestern vor Ort fordert er ein, das neue Konzept im Umgang mit Ehe und Familie umzusetzen und einer offenkundig nicht zu verleugnenden „kalten Schreibtischmoral“ in eigenen Reihen zu entsagen, die nur „die reine Norm kennt“. Er erwartet von seinen Truppen eine „heilsame Selbstkritik“, da man anerkennen müsse, „dass unsere Weise, die christlichen Überzeugungen zu vermitteln, und die Art, die Menschen zu behandeln, manchmal dazu beigetragen haben, das zu provozieren, was wir heute beklagen“. Die Kirche habe mit ihren strengen Vorgaben die Menschen eher davon abgehalten, Ehen zu schließen und Familien zu gründen („Felsblöcke, die man auf das Leben von Menschen wirft“), beklagt er.

Das ist dann durchaus klare Kante – und zwar kirchenintern.

 
 

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