Der Krieg hängt eisig über der Stadt

Mironowski..  Hinter dem evangelischen Gebetshaus an der Donezker Straße liegt ein Toter. Jemand hat ein rotes Tischtuch über ihn gelegt, jemand anders hat ihm die Stiefel ausgezogen. „Er hatte gefütterte Plastikstiefel, solche wie ich“, erzählt der grauhaarige Walera. „Und mich hat ein Splitter der gleichen Granate erwischt, aber ich habe nur einen Schlag gegen den Arm abgekriegt.“ Der Leichnam trägt grobe graue Wollsocken, mit einem Loch an der Ferse, durch das die Haut seines Fußes schimmert, der Tod hat sie gelb gefärbt.

Mironowski liegt 14 Kilometer nördlich des weitgehend eroberten Debalzewos, es liegt auf dem Hauptschlachtfeld des gescheiterten Waffenstillstandes, der Sonntagnacht in der Ostukraine beginnen sollte. Um Mironowski tobt weiter der Krieg. Ein Greis im Halbpelz trägt eine leere Einkaufstasche über den Rathausplatz. „Kein Brot, die Geschäfte sind geschlossen, kein Wasser, kein Strom, kein Gas, keine Heizung“, fasst er die Lage zusammen. „Keine Medikamente. Und die Frau liegt krank zuhause.“

Auf der Trasse nach Debalzewo rollen Panzer und Busse mit ukrainischen Soldaten. Mironowski aber lebt seinen eigenen Albtraum. „Seit dem 22.“, sagen die Leute. Am 22. Januar wurde die Stromverteilerstation in Brand geschossen, danach fielen die Gasleitung und das Heizwerk aus, der Krieg hängt eisig, schwarz und blutig über den ramponierten Plattenbauten.

Keiner hier weiß, wie viele der 8000 Einwohner noch in Mironowski ausharren. Die Stadt ist in ein paar Luftschutzkeller und ihre Bewohner zerfallen. Männer und Frauen haben Plastikflaschen mit Wasser, Decken, Matratzen und Lebensmittel zusammengetragen. Und sie kämpfen mit Kanonenöfen und Kerzenstumpen gegen Dunkelheit, Kälte und den Grippevirus, der halb Mironowski befallen hat.

Der größte Keller ist unter der Technischen Berufsschule, seine Bewohner haben sogar einen Dieselgenerator aufgestellt, aber mangels Treibstoff liefert er nur drei Stunden am Tag Licht. „Wir lassen nur russische Journalisten rein!“, rufen die Leute. „Weil nur das russische Fernsehen die Wahrheit über uns zeigt.“ Die Leute beklagen sich über die ukrainischen Truppen, die ihre eigene Stadt zerschössen, Wohnungen und Geschäfte ausplünderten. Aber sie schelten auch die Journalisten: „Ihr verdient euer Geld mit unserem Unglück“, beklagt sich Tamara Iwanowna, eine Englischlehrerin, die mit einem schwachen Lidschatten um ein bisschen Zivilisation kämpft. „Wieso bringt ihr nicht wenigstens Bonbons und Fieberzäpfchen für unsere kranken Kinder mit?“

Auch im Nachbarwohnblock windet sich das Blechrohr eines Kanonenofens aus dem Kellerfenster, aber in diesem Luftschutzkeller führt Tante Nadja, eine hagere Rentnerin, das Kommando: „Wir mögen hier keine russischen Journalisten, das russische Fernsehen lügt.“ Hier seien alle Ukrainer und wollten Ukrainer bleiben. Tante Nadja glüht vor Patriotismus, führt uns wieder auf die Straße, zum Rohr eines Raketenblindgängers, das steil aus dem Bürgersteig ragt: „Sehen Sie, die Rakete ist aus südöstlicher Richtung gekommen, die haben die Russen abgeschossen.“

Die Geschütze, die Donezker Rebellen, russische Kanoniere oder die Ukrainer auf der anderen Seite bedienen, lassen weiter Stahl auf Dutzende Städtchen und Dörfer bei Debalzewo regnen. Keiner hat mit ihrem Abzug begonnen.

Keiner beerdigtden Toten

Die Krieger träumen vom Sieg, das Leben der Zivilisten aber wird immer hoffnungsloser. Der Tote hinter dem evangelischen Gebetshaus liegt jetzt fünf Tage dort. Warum ihn niemand beerdigt? Die Leute sagen, man kenne die Familie nicht, der Bürgermeister kümmere sich auch nicht… Nur wenige Meter von der Leiche unter dem roten Tischtuch quellen drei Müllcontainer über. Ein großer, gelber, herrenloser Hund schnüffelt dort herum. „Nehmen Sie sich in Acht“, ruft der alte Valera. „Die Hunde und Katzen werden hier noch Jagd auf die Menschen machen.“

EURE FAVORITEN