Der Kampf um Stuttgart 21

Dietmar Seher

Berlin.  Der Krieg an den Bauzäunen rund um den Stuttgarter Hauptbahnhof wird mit Worten geführt. Max Maulwurf klebt an den Brettern und macht Stimmung für Stuttgart 21. Die lustige Comicfigur der Bahn ruft: „Es gibt viel zu tun. Graben wir’s an“, oder sie nimmt schwitzend hohe Hürden. Gegner haben grinsend „Grube auf der Flucht“ neben die Zeichnung gepinselt. Sie antworten dem Bahnchef und der Politik mal intelligent („Gier frisst Hirn“), aber immer öfter auch giftig: „Mafiöses Drecksprojekt“.

Das größte und umstrittenste deutsche Bauvorhaben ist – trotz Regierungswechsel, Schlichter und Volksabstimmung – nicht befriedet. Donnerstagabend eskalierte der Krieg der Worte wieder. Ein Trupp der „Mahnwache“ im Schlossgarten, wo ein Jahr zuvor 200 Jahre alte Bäume gefällt wurden, riss Löcher in die Baustellen-Absperrung. Man stürmte das Gelände. Die Polizei nahm acht Demonstranten fest.

Kann Deutschland Großprojekte?

Doch die letzte Schlacht um den Tiefbahnhof wird nicht im Schlossgarten ausgefochten. Sie wird im Stuttgarter Landtag, im Bundesverkehrsministerium und am Ende wohl am Schreibtisch der Kanzlerin entschieden. Es geht um die Frage, ob Deutschland Großprojekte kann, es geht um Wirtschaftlichkeit. Die Kosten sind explodiert, wie der Bahnvorstand eingeräumt hat. Sie scheinen sogar außer Kontrolle, wie ein Papier des Bundesverkehrsministeriums fürchtet. Sie schnellen von der versprochenen „Höchstgrenze“ 4,562 Milliarden Euro auf 6,8 Milliarden. Die Bahn und das grün-rote Baden-Württemberg streiten seither um eine zusätzliche Beteiligung des Landes. Die sei vereinbart, sagt der Bund. Nein, sagt das Land. Heute sitzen sie zusammen.

Dann wird auch vom Ausstieg als letztem Mittel die Rede sein. Drei Staatssekretäre der Bundesregierung im Aufsichtsrat haben den Gedanken ins Spiel gebracht, in dem sie das Angebot der Bahnführung, Mehrkosten von 1,1 Milliarden Euro selbst zu zahlen, kritisch hinterfragen und eine ehrliche Kostenschätzung für den Plan B verlangen. Das ist der Projekt-Abbruch. Könnte man die Schnellstrecke nach Ulm bauen und den alten Kopfbahnhof modernisiert stehen lassen? Oder ganz zurück auf Null – kein Tiefbahnhof, auch keine Tunnelstrecken von 50 Kilometern Länge? Abgesehen vom verkorksten Image: Das Projekt hat längst tiefe Wunden in die City gerissen.

Die „alte Stuttgarterin“ Hanna Geckert traut sich deshalb nicht mehr in den Schlossgarten. Geckert, Stuttgart 21-Gegnerin, klärt im Kiosk an der Königstraße über die Schändlichkeit des teuren Monsters auf: „Denken Sie an den Schaden für die Mineralquellen“. Auch der Juchtenkäfer ist zu schützen. „Die gaukeln uns was vor“. Aber zur Mahnwache geht sie nicht. „Ich will das Elend nicht sehen. Sie haben alles zerstört“. Sie, das sind die Baufirmen. Die nennen Bauvorbereitung, was Hanna Geckert für Zerstörung hält. Nicht nur 50 Prozent der Aufträge sind vergeben, 300 Bäume sind weg, zwei Bahnhofsflügel abgerissen. Am Nordeingang klafft ein tiefes Loch. Am Boden schieben Arbeiter Bohrer in die Fundamente des alten Bonartz-Baus.

Unsicherheit überall

Die Politik weiß nicht recht weiter. Die Koalition im Südwesten äußert sich zu einem Baustopp nur verhalten. Sie ist gespalten (Grüne eigentlich dafür, SPD strikt dagegen). Er halte Stuttgart 21 „nach wie vor für sinnvoll“, sagt Verkehrsminister Ramsauer in Berlin – und weiß, dass Bahn-Aufsichtsratschef Felcht Gutachter prüfen lässt, wie belastbar die neuen Bahnzahlen sind. Das Ergebnis brauchen sie bei der Abstimmung im Aufsichtsrat am 5. März. Einerseits. Es soll aber auch Hinweise geben, dass die 15-köpfige Runde wegen „unzureichender Kontrolle“ des Vorstandes vor Gericht landen könnte. Strafanzeigen liegen vor. Unsicherheit blockiert Maulwurfs Ziel, die nächsten Hürden zu nehmen. Derzeit macht er nur im Bahnhofsturm Boden gut. Dort wird für eine halbe Million Euro die Ausstellung über Stuttgart 21 renoviert. Die Ausstellungsmacher sehen sich auf der richtigen Seite: Laut Emnid sind 62 Prozent für den Tiefbahnhof. Hanna Geckert und ihr Widerstand wollen dem Paroli bieten, wenn die Ausstellung die Türen schließt: Ihr Kiosk hat rund um die Uhr geöffnet.