Der gefallene Sonnenkönig

Dortmund..  Gerd Niebaum, der ehemalige Präsident und Geschäftsführer des Fußball-Bundesligisten Borussia Dortmund, muss sich ab Freitag vor einem Dortmunder Gericht verantworten. Die Staatsanwaltschaft wirft dem Angeklagten unter anderem Untreue, Kreditbetrug und Urkundenfälschung vor. 450 000 Euro soll der heute 66-Jährige als Darlehen aus einem Nachlass gezogen haben. Eine Haftstrafe ist nicht ausgeschlossen. Ein Rückblick.

Im Januar 2005 war die Lage von Niebaum bereits ernst und hoffnungslos. Der Mann, der nach dem größten Triumph von Borussia Dortmund, nach dem Champions-League-Sieg von 1997, mit einer Pickelhaube auf dem Kopf vor den Feierreihen paradiert hatte, glaubte aber noch an das grandiose Hurra, an den finalen Befreiungsschlag. Er wollte den Stimmen, die das Reich Schwarzgelb wegen der Misswirtschaft des Herrschers in seiner Existenz bedroht sahen, eine andere Stimme entgegen stemmen, seine Stimme: die Stimme des Herrschers.

Viele Spitznamen

Für Doktor Gerd Niebaum waren auch andere Spitznamen gefunden worden. Gemeinsam hatten sie alle eines. Sie schauten herab auf das Volk. Doktor Gott. Sonnenkönig. Inklusive Hofstaat. In diesem Januar 2005 war Niebaum allerdings schon gedrängt worden, das Präsidentenamt an Reinhard Rauball zu übergeben, den promovierten Juristen, der ihm am Ende seiner eigenen ersten Amtszeit 1986 die Steigbügel zum Aufstieg in die Chefrolle gehalten hatte.

Niebaum empfing die Journalisten in seiner letzten Rolle, in der Rolle des Geschäftsführers. Der Blick konnte hinüberschweifen über die B 1, dahin, wo das imposante Stadion ruhte, von dem Niebaum dann behauptete, es sei doch nur zu ambitioniert finanziert worden. Er würde die Karre schon aus dem Dreck ziehen. Schlusswort: „Wenn sie so arbeiten wie ich, dann müssen sie damit rechnen, dass irgendwann die geballte Ladung zurückkommt.“

Niebaum hatte hoch fliegende Träume. Als er Präsident wurde, war der Verein nicht auf Rosen gebettet, weder ökonomisch noch sportlich. Was immer Niebaum anfasste, verwandelte sich aber in Gold. 1989 bejubelten die Dortmunder den Titel im nationalen Pokal. Es folgten drei Meisterschaften, es folgte die Thronbesteigung in der Königsklasse, die Eroberung des Weltpokals. Am Anfang schien Niebaum selbst irritiert zu sein vom Glück in dicken Dosen. Im Fußball ist dieses Phänomen jedoch nicht unbekannt: Selbstbewusstsein kocht über und wird zur Selbstüberschätzung.

Ziel: Bayern überflügeln

Niebaum wollte den FC Bayern München mit der Borussia überflügeln, er wollte ein Stadion, das auf das Theater der Träume von Manchester United und auf das Bernabeu von Real Madrid Schatten warf. Und tatsächlich füllen heute mehr als 80 000 Menschen Heimspieltag für Heimspieltag das 1974 zur WM errichtete, unter den Händen Niebaums stetig gewachsene Stadion des BVB. In den vergangenen Jahren hatte Dortmund immer den höchsten Zuschauerschnitt. In Europa. Niebaums hoch fliegende Träume sind Realität geworden.

Alptraumartige Bilanzen

Sein Niedergang als Funktionär begann, als seine Träume sich in alptraumartigen Bilanzen niederschlugen. Er kaufte einen Stürmer wie Marcio Amoroso für 50 Millionen Mark. Er holte Stars, die sich Platinnasen verdienten. Er investierte in das Gigantenstadion. Er brachte den Klub im Oktober 2000 an die Börse, in einer Zeit, in der nicht mehr in jedem Büro über raketenartig in den Himmel schießende Kurse palavert wurde. Der BVB erlöste dennoch 140 Millionen Euro und fackelte diese rasant ab. Misswirtschaft. Dreistelliges Millionenminus. Das Gespenst der Insolvenz wurde erst von der neuen Führungs-Crew mit Rauball und Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke vertrieben, nachdem Niebaum im Februar 2005 auch sein letztes Amt aufgegeben hatte.

Das ist noch nicht die ganze Geschichte vom in Deutschland beispiellosen Absturz eines Fußballfunktionärs. Die Ladung, die Niebaum traf, war geballt und bestand nicht nur aus Enthüllungen, Entzauberungen und Entmachtungen in Fußballland. Der angesehene und millionenschwere Anwalt hatte sich auch auf riskante Immobiliengeschäfte im Osten eingelassen. Im Mai 2011 musste er seine Zulassung als Rechtsanwalt abgegeben, weil seine finanzielle Situation prekär war.

EURE FAVORITEN