Der braune Untergrund radikalisiert sich

Jan Jessen
Autonome Nationalisten bei einer Kundgebung.
Autonome Nationalisten bei einer Kundgebung.
Foto: Knut Vahlensieck
Ein Nazi-Trio zieht eine Blutspur durch Deutschland, ermordet zehn Menschen, begeht einen Bombenanschlag und bleibt dennoch mehr als ein Jahrzehnt unentdeckt – bis es sich selbst richtet beziehungsweise stellt. Es zeigt: Der rechte Rand findet zu wenig Beachtung. Ein Kommentar.

Ein Nazi-Trio zieht eine Blutspur durch Deutschland, ermordet zehn Menschen, begeht einen Bombenanschlag, überfällt mehr als ein Dutzend Banken und bleibt dennoch mehr als ein Jahrzehnt unentdeckt – bis es sich selbst richtet beziehungsweise stellt: Dieses Szenario ist so ungeheuerlich, dass es schwer fällt, es in all seinen Facetten nachzuvollziehen.

In der Tat gibt es zum jetzigen Zeitpunkt mehr Fragen als Antworten. Wie kann sich in einer vom Verfassungsschutz durchsetzten Szene unbemerkt eine Gruppe von Rechtsterroristen formieren, zumal Uwe M., Uwe B. und Beate Z. schon Ende der neunziger Jahre auf dem Radar der Staatsschützer waren? Warum hat sich der „Nationalsozialistische Untergrund“ über all die Jahre nicht zu seinem mörderischen Treiben bekannt? Gewöhnlich sondern Terroristen nach ihren Taten Bekennerschreiben ab; wie sonst soll die Welt von ihrem kruden Weltbild erfahren? Wieso haben sich die drei Verbrecher erst fünf Jahre nach dem abrupten Ende der Mordserie entschieden, einen Film zu produzieren, in dem sie mit ihren Taten protzen und weitere ankündigen? Und warum bringen sich zwei von ihnen ausgerechnet jetzt um? Das alles sind Puzzleteile, die (noch) nicht zusammenpassen.

Der rechte Rand findet zu wenig Beachtung

Fakt ist aber: Der Fall wirft ein grelles Licht auf eine Szene, die in den vergangenen Jahren aus dem Fokus geraten ist. Politik und Sicherheitskräfte haben sich vor allem mit den Gefahren islamistischen oder linksextremistischen Terrors beschäftigt; die Auswüchse am rechten Rand fanden und finden noch immer zu wenig Beachtung. Das ist fahrlässig. Rechtsterrorismus ist kein Relikt der siebziger und achtziger Jahre, als die Wehrsportgruppe Hoffmann und der Anschlag auf das Münchener Oktoberfest Schlagzeilen machten.

Im braunen Untergrund gibt es immer wieder Bestrebungen, mit Waffengewalt gegen das verhasste System vorzugehen. 2000 wurden bei Mitgliedern der Sächsischen Skinheads Schweiz (SSS) Munition, Granaten, sogar Teile von Raketen gefunden. 2003 plante die Kameradschaft Süd einen Bombenanschlag auf die Grundsteinlegung für das Jüdische Gemeindezentrum in München. Offen wie nie streben Gruppierungen wie die Autonomen Nationalisten einen „Nationalen Sozialismus“ an und bekennen sich zu Militanz. Im Internet radikalisiert sich die Szene rasant. Die Saat für weitere rechtsterroristische Gewalttaten ist schon längst gesät.

Verdrängt wird außerdem, dass der „unorganisierte“ rechte Terror seit 1990 deutschlandweit fast 140 Menschenleben gefordert hat – Menschen, die wegen ihrer Hautfarbe, ihrer Religion oder politischen Gesinnung zu Tode getreten, geprügelt, gehetzt wurden. Der Staat muss wachsamer werden. Deswegen wäre jetzt ein Verbotsverfahren gegen die NPD falsch, die mit den radikalen freien Kameradschaften personell und organisatorisch eng vernetzt ist. Dazu müssten die Verfassungsschützer alle V-Leute abschalten. Zugegeben: Diese spielen nicht immer eine rühmliche Rolle. Der Staat aber wäre auf dem rechten Auge vollends blind.