Denkzettel für Sylvia Löhrmann

Matthias Korfmann

Oberhausen.  Mit einem auffallend schwachen Rückhalt aus der eigenen Partei geht Sylvia Löhrmann als Spitzenkandidatin der NRW-Grünen in den Landtagswahlkampf. Sie erhielt bei der Landesdelegiertenkonferenz der Grünen in Oberhausen nur 80,6 Prozent der Stimmen. Vor der Landtagswahl 2012 waren es rund 98 Prozent. Fast alle anderen Kandidaten für die ersten Listenplätze schnitten besser ab. Minuten vor dem Votum hatte die 59-Jährige ihren Parteifreunden noch zugerufen: „Ich kann nur so stark sein, wie ihr mich macht.“

Löhrmann war zuletzt hart für ihre Idee einer „individuellen Lernzeit“ für Schüler kritisiert worden. Im Streit um das so genannte „Turbo-Abi“ regt sie einen Systemwechsel bei den Schulen an, der jedem Kind eine eigene individuelle Lernzeit zugestehen soll. Das sorgte nicht nur an den Schulen für Irritationen, sondern offenbar auch in der grünen Partei.

Nach ihrer Wahl auf Platz 1 der Landesliste sprach Löhrmann trotz des Denkzettels von einer „großartigen Unterstützung“. Mehr Grund zu Freude und Dankbarkeit hatten NRW-Umweltminister Johannes Remmel, die frühere Landesvorsitzende, Monika Düker, die Wittener Landtagsabgeordnete Verena Schäffer und ihr Fraktionskollege Arndt Klocke: Sie schafften Ergebnisse von rund 90 Prozent.

Sechs Jahre lang wurden Grüne und Sozialdemokraten in NRW als ziemlich perfekte Partner wahrgenommen. Aber diese Partnerschaft bröckelt. Der Spruch von Verkehrsminister Michael Groschek (SPD) über die „durchgrünte Gesellschaft“ und das von drei SPD-Ministern geschmiedete „Bündnis für Infrastruktur“, das aus grüner Sicht auf die Blockademacht von Bürgerinitiativen zielt, verstehen die Grünen als Attacke gegen sich und ihre ureigensten Überzeugungen. „Es wird gewarnt vor dem Gespenst einer durchgrünten Gesellschaft, vor dem unbequemen Einmischen. Aber das ist kein Gespenst, das sind wir“, sagte Johannes Remmel. Der Minister sprach mit Blick auf seine Kabinettskollegen Groschek (Verkehr), Duin (Wirtschaft) und Walter-Borjans (Finanzen) von einem Bündnis „alter Jungs“. Die grüne Gesundheitsministerin Barbara Steffens „bedankte“ sich gar bei Groschek: „Du hast die Unterschiede zwischen Rot und Grün deutlich gemacht. Du hast uns einen Gefallen getan. NRW ist in den vergangenen sechs Jahren grüner geworden.“

Sylvia Löhrmann geißelte in ihrer Bewerbungsrede die „Basta-Politik“ der „Herren Sozialdemokraten“. Was Michael Groschek „durchgrünt“ nennt, sei schlicht und einfach Demokratie. Die SPD habe nach dem „Metrorapid-Desaster“ offenbar nicht dazu gelernt und hänge weiter an teuren und unsicheren Großprojekten.

Stehende Ovationen bekam Sylvia Löhrmann nach ihrer Rede, der Funke schien überzuspringen. Aber dann drückten nur 216 von 270 Delegierte das Ja-Knöpfchen für sie.