Debatte über Unterrichtsausfall nimmt ein absurdes Ende

Theo Schumacher

Düsseldorf.  Der Unterrichtsausfall in NRW wird erstmals nach fünf Jahren noch 2014 gemessen – aber über die Qualität der Ergebnisse wird schon jetzt gestritten. Um frische Daten über Fehlstunden an den Schulen zu sammeln, will Schulministerin Sylvia Löhrmann (Grüne) notfalls auf die vielkritisierte Stichproben-Erhebung zurückgreifen, die mehrfach grob falsche Resultate produziert hat. Das ist der absurde Ausgang einer hitzigen, oft populistischen Debatte im Landtag.

Das Reizthema, wie viele Stunden wo und warum ausfallen, hatte eine von Löhrmann in Auftrag gegebene Studie der Uni Bochum Ende Januar angefacht. Darin rieten die Bildungsforscherin Gabriele Bellenberg und ihr Schweizer Kollege Christian Reintjes von einer umfassenden Erhebung ab, weil sie „hoch aufwändig und sehr kostenintensiv“ sei. Umgerechnet 700 Lehrerstellen würde es laut Gutachten kosten, ein „statistisch realistisches Bild“ zu gewinnen. Statt Stundenausfall zu messen, so das Fazit, sollte man das Geld besser ausgeben, um ihn zu vermeiden.

Erwarteter Aufschrei

Dem erwarteten Aufschrei einiger Lehrerverbände folgte der Entschluss der Fachpolitiker, die Verfasser der Studie im Landtag detailliert zu befragen. Die Sachdiskussion wurde zunächst vertagt. Gestern aber scherte die CDU aus und setzte Löhrmann unter Druck. „Seit Ihrem Amtsantritt im Jahre 2010 ist Unterrichtsausfall in NRW nicht mehr erfasst worden“, warf ihr die CDU-Schulpolitikerin Petra Vogt vor. Die Ministerin befinde sich deshalb auf einem „Blindflug“ zulasten der Schüler. Auch Yvonne Gebauer (FDP) warf der Grünen vor, Stundenausfall sei „keine Verschlusssache“.

Löhrmann reagierte sichtlich verärgert auf den Vorwurf der Trickserei. Frühere Statistiken seien vielfach von der Wahrnehmung der Eltern, Lehrer und Schüler abgewichen. Dabei verwies sie auf die zweiwöchige Stichprobe im Schuljahr 2009/10, veranlasst durch die Regierung Rüttgers, die einen Stundenausfall von 2,4 Prozent ergab. Prüfer, die der Landesrechnungshof vor Ort schickte, erhoben dagegen mit 4,8 Prozent eine doppelt so hohe Ausfallquote. Ungeachtet dessen will Löhrmann noch in diesem Jahr die Stichprobe anwenden, wenn sich die Fraktionen nicht „zeitnah“ auf solidere Messmethoden verständigen.

Die Daten stehen seit Langem in der Kritik. Hinter vorgehaltener Hand wird vermutet, bei der Erhebung gehe es nicht immer mit rechten Dingen zu. Einige Schulen, heißt es, würden ihre Fehlzahlen herunterrechnen, um besser auszusehen als ihr Ruf, andere bewusst einen höheren Stundenausfall melden, um daraus die Forderung nach zusätzlichen Lehrern abzuleiten. Auch über die Definition von Unterrichtsausfall ist man sich nicht einig, etwa über die Frage, ob auch Wandertage oder Elternsprechtage dazu zählen.

These sorgt für Aufsehen

Die FDP griff auch die Autoren der Studie an. Während Gebauer die „empirische Basis“ anzweifelte und namentlich Bellenberg „tendenziöse“ Arbeit nachsagte, stellte sich CDU-Fraktionsvize Klaus Kaiser vor die Professorin. „Die FDP beschimpft Wissenschaftler, ohne mit ihnen gesprochen zu haben“, befand Sigrid Beer (Grüne). Dabei wurde eine weitere These der Gutachter, die ebenfalls Aufsehen erregt hatte, gestern gar nicht diskutiert. Die Forscher kommen zu dem Schluss, dass ausgefallener Unterricht öffentlich „überschätzt“ werde und „das Schülerlernen – wenn überhaupt – nur in einem geringen, zumeist nicht statistisch bedeutsamen Umfang“ beeinflusse.

Folgt man Klaus Kaiser, ist ohnehin alles kein Problem. „Im digitalen Zeitalter“ und mithilfe elektronischer Klassenbücher sei die Erfassung des Unterrichtsausfalls „maximal ein Schnittstellenproblem in der EDV“, so der CDU-Politiker. 700 Lehrerstellen benötige man dafür jedenfalls nicht.