Debatte muss aus Sarrazins Schatten treten

Thilo Sarrazin hat mit seinen Thesen provoziert und verletzt. Die eigentliche Arbeit beginnt erst jetzt. Foto: afp
Thilo Sarrazin hat mit seinen Thesen provoziert und verletzt. Die eigentliche Arbeit beginnt erst jetzt. Foto: afp
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Berlin/Düsseldorf. Nach der hitzigen Debatte um Thilo Sarrazins Thesen ist es höchste Zeit für einen sachlichen Streit um die Zukunft der Integration. Wo hapert es? Was ist zu tun? Sechs Standpunkte.

Thilo Sarrazin war gestern – jetzt muss die seriöse und zukunftsweisende Debatte in Gang kommen, um die Integration voranzubringen. „Wir haben kein Erkenntnis-, sondern ein Handlungsdefizit“, sagt der Bezirksbürgermeister von Berlin-Neukölln, Heinz Buschkowsky. Wo hapert es? Was ist zu tun? Sechs Standpunkte:


Rita Süßmuth (CDU), einstige Bundestagspräsidentin sucht die Schuld nicht bei anderen: „Wir haben uns davor gedrückt, die Menschen ehrlich aufzuklären: Wo stehen wir mit der Integration?“ Und dort, wo es Defizite gebe, „reden wir heute unendlich viel, aber wir haben am Ende mehr Programme als Taten“. Süßmuth will die Personalchefs in Wirtschaft und Verwaltung mit Quoten oder Zielvorgaben verpflichten, mehr Menschen mit ausländischer Herkunft einzustellen. „Viele Migranten, die Abitur haben, werden nicht eingestellt, weil sie aus Zuwandererfamilien kommen.“ Man müsse die Sache sehen wie bei der Gleichstellung der Frauen: „Ohne Quoten wären wir heute nicht da, wo wir sind.“


Klaus J. Bade, Migrationsforscher, benutzt gerne das Bild vom Bademeister: „Wer außen an sein Schwimmbad schreibt ,Dies ist kein Schwimmbad’, der muss sich nicht wundern, wenn die Neuankömmlinge nicht ins Wasser springen, sondern auf der Liegewiese sitzen bleiben.“ Heißt: Deutschland badet noch heute die Fehler einer verpassten Zuwanderungspolitik aus. „Wir leiden seit 30 Jahren unter defensiver Er­kenntnisverweigerung.“ Aus Denkfaulheit, aus Sorge um den sozialen Frieden oder ideologischer Multikulti-Romantik hätten sich die Deutschen bei der Zuwandererdebatte Blindheit geleistet. „Die Rache heißt Sarrazin.“ Schlechte Bildungsabschlüsse gebe es nicht nur bei den türkischstämmigen, sondern ähnlich dramatisch auch bei den italienischstämmigen Ju­gendlichen. „Aber das sind keine Muslime.“



Hatice Akyün
, türkischstämmige Autorin und Journalistin, fordert bessere und frühere Anstrengungen in der Bildungspolitik: „Ganz wichtig ist es, Sprachdefizite so früh wie möglich auszugleichen. Dies muss schon vor der Einschulung passieren. Frühstmögliche Sprachförderung also. Das geht am besten im Kindergarten, in der die Hauptsprache Deutsch sein muss. Die Kinder aus sozial benachteiligten Familien müs­sen weg vom türkischsprachigem Fernsehen, raus aus den Familien, in denen nur Türkisch gesprochen wird und rein in die Kitas. Kindergartenpflicht ab dem ersten Jahr, damit kein Kind – egal mit oder ohne Migrationshintergrund – ohne Deutschkenntnisse eingeschult wird.



Bernhard Pörksen
, Me­dienwissenschaftler, mahnt zum Thema Integration: „Wir müssen diese Debatte führen.“ Die Gefahr sieht er eher auf Seiten der Empörten: Die Welle des Protests könne pauschal und umfassend Denkverbote zementieren, Tabus errichten, die notwendige Auseinandersetzung blockieren. Kurzum: „Sarrazin darf so ein zentrales Thema nicht ruinieren.“ Wichtig dabei sei das Misstrauen gegen den Berufsstand der „Feindbild-Architekten“: „Das sind Rechthaber, die sich mal auf die Natur des Menschen, dann wieder auf die moderne Wissenschaft oder das Wohl der Gesellschaft berufen, das sie genau zu kennen glauben.“ Was dagegen hilft? „Es braucht ein mentales Flexibilitätstraining – eine Kultur des Selbstzweifels, direkten Kontakt, Ge­spräche und Information, Austausch mit denjenigen, die man leichtfertig diffamiert. Andere Formen der Therapie kenne ich nicht.“


Guntram Schneider (SPD), NRW-Arbeitsminister und Ex-Gewerkschaftsboss analysiert: „Die Politik hat zu lange die Augen davor verschlossen, dass Deutschland ein Einwanderungsland ist.” Die Gewerkschaften müssten sich aber keine großen Vorwürfe machen: „Verdi, IG Metall, die IGBCE und andere haben schon früh Integrationsprogramme ge­startet und Migranten den Weg in Betriebsräte geebnet.” Für Schneider steht fest, dass der größte Teil der Migranten arbeiten will. „Ich glaube, dass die deutsche Gesellschaft den Migranten gegenüber eine Bringschuld hat. In den Unternehmen sollte das Bewusstsein reifen, dass man niemanden zurücklassen darf, dass wir alle Talente brauchen.”


Hans-Peter Lauer, Pfarrer in Duisburg-Marxloh, sieht fehlende Integration nicht als Frage der Religion, sondern als gesellschaftliches Problem, das sich nur durch ausreichende Bildung lösen lässt. Dies gelte auch für Deutsche: „Der Ausschluss von der gesellschaftlichen Teilhabe trifft auch andere Gruppen.“ Bei der Integration sei vieles schiefgelaufen, weil man nicht wahrgenommen habe, „dass Gastarbeiter auch Zuwanderer sind“. Integration sei immer auch eine Frage von Geben und Nehmen. Migranten seien „nicht nur Opfer“, ihre Selbstorganisationen, zum Beispiel Moscheevereine, müssten in die Pflicht genommen werden. In Marxloh gebe es „sehr ermutigende Ansätze“ der Zusammenar­beit zwischen Christen und Muslimen: „Auch dadurch soll verhindert werden, dass sich die Parallelgesellschaft verfestigt.“

 
 

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