Das Terror-Netz von Mali bis Jemen

Gregor Boldt
Die Kämpfer der islamistischen Tuareg-Gruppe Ansar el Dine wollen Mali zu einem religiösen Staat unter den Regeln der Scharia aufbauen.
Die Kämpfer der islamistischen Tuareg-Gruppe Ansar el Dine wollen Mali zu einem religiösen Staat unter den Regeln der Scharia aufbauen.
Foto: AFP
Diverse islamistische Gruppierungen mischen mit im Konflikt im westafrikanischen Mali und bedrohen auch wirtschaftliche Interessen Europas. Einige sind miteinander vernetzt und tauschen Kämpfer und Waffen untereinander aus.

Essen. Der Bürgerkrieg in Mali wird auf absehbare Zeit zu einem internationalen Konflikt. Frankreich will seine Truppen im Kampf gegen islamistische Rebellen nun deutlich verstärken und plant, bis zu 2500 Soldaten in das westafrikanische Land zu schicken. Zudem sollen 3300 Soldaten aus westafrikanischen Ländern die malische Armee gegen die Aufständischen unterstützen. Die sind aufgrund der Waffen aus den Gaddafi-Lagern bisher stärker als erwartet.

Wer sind die Aufständischen?

Sie rekrutieren ihre Kämpfer aus unterschiedlichen radikalislamischen Gruppierungen, darunter die Tuareg-Gruppierung „Ansar el Dine“, die Organisation „El Kaida im islamischen Maghreb“ (AQMI) sowie eine Abspaltung, die Gruppe „Bewegung für Einheit und Dschihad in Westafrika“ (Mujao). Auch eine Beteiligung von Kämpfern nicht-malischer radikaler Gruppen, darunter insbesondere „Boko Haram“ aus Nigeria, ist wahrscheinlich, sagt Katrin Sold, Nordafrika-Expertin, der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik.

Wie stark sind die Gruppierungen und was ist deren Ziel?

Nach Schätzungen verfügen die Rebellen über etwa 5000 Kämpfer. In ihren Zielen unterscheiden sie sich. Zum einen gibt es die Tuareg-Separatisten der Gruppe MNLA (Nationale Bewegung für die Befreiung des Azawad), die für einen eigenen Staat im Norden des Landes kämpfen. Dafür hatten sie sich auch mit den radikalislamischen Tuareg-Rebellen der Gruppe Ansar el Dine verbündet. Nun aber kontrollieren die Islamisten zusammen mit AQMI und Mujao das Gebiet. Sie wollen einen religiösen Staat unter den Regeln der Scharia aufbauen. Die MNLA wiederum hat gestern Frankreich ihre Hilfe angeboten, gegen die Islamisten vorzugehen. Bundesverteidigungsminister Thomas de Maizière (CDU) schließt einen Einsatz deutscher Kampftruppen aus.

Welche Gefahr droht, wenn Mali ein islamistischer Staat wird?

Dann könnte das schwer zugängliche Gebiet zu einem Rückzugsraum und Ausbildungszentrum für islamistische Terroristen werden. „Die Gruppen verfügen über umfangreiche finanzielle Ressourcen zur Organisation derartiger Ausbildungsstrukturen, die vor allem auf Einnahmen aus Schmuggel (Drogen, Waffen, Menschen) und Lösegeldzahlungen bei Geiselnahmen zurückgehen“, sagt Katrin Sold.

Ist das der einzige Grund, warum Frankreich dort einschreitet?

Nein. Mali und sein Nachbarland Niger verfügt über große Uran-Vorkommen. Frankreich setzt nach wie vor auf Kernkraft. Etwa ein Drittel der Atommeiler werden mit Uran aus Nordafrika versorgt. Die Abbaugebiete im Niger grenzen an den Norden Malis. In den von den Islamisten kontrollierten Gebieten Malis liegen auch große Erdöl- und Erdgasfelder, deren Ausbeutung im Interesse Europas liegt. Nach Angaben des Auswärtigen Amtes ist die Förderung aber seit dem Putsch in Mali gegen den Präsidenten Amadou Touré im März 2012 ins Stocken geraten.

Gibt es weitere Länder in Nordafrika, die gefährdet sind?

Der Arabische Frühling hat dazu geführt, dass sich große Teile Nordafrikas im Umbruch befinden und einige Länder politisch instabil sind. In Libyen hat der Krieg den Zugang zu den ehemaligen Waffenarsenalen Gaddafis ermöglicht. Sie haben auch zur Bewaffnung der Aufständischen in Mali beigetragen. Es ist nicht auszuschließen, dass sie künftig in den Händen von Terrorgruppen der gesamten Region landen. „Insbesondere in den Staaten der Zentralsahara wie Mauretanien oder Niger sind radikale Gruppierungen wie AQMI prä­sent und können aufgrund der durchlässigen Grenzen in einigen Teilen relativ frei agieren“, sagt Katrin Sold. Auch Libyen, Mauretanien und Tunesien gehören zum Operationsgebiet der AQMI.

Kooperieren die radikalen Gruppen bereits miteinander?

Beobachter warnen bereits seit längerer Zeit vor einer zunehmenden Kooperation der drei bedeutendsten radikalislamischen Gruppierungen in Afrika: El Kaida im islamischen Maghreb (AQMI), Boko Haram und El-Shabaab aus Somalia. AQMI hat Verbindungen zu Boko Haram, die nigerianischen Islamisten wiederum halten Kontakt zu El-Shabaab in Somalia. Auf der anderen Seite des Golf von Aden liegt Jemen, das langsam dem afghanisch-pakistanischen Grenzgebiet den Rang als El-Kaida-Hochburg abläuft. Dass ein Austausch von Kämpfern und Waffen zwischen Afrika und Jemen stattfindet, gilt als sicher.