Das System ist selbst der Patient

Michael Kohlstadt
Der Mediziner Ferdinand M. Gerlach beim Politischen Forum Ruhr im Congress Center der Messe Essen.
Der Mediziner Ferdinand M. Gerlach beim Politischen Forum Ruhr im Congress Center der Messe Essen.
Foto: Sebastian Konopka
Das Gesundheitswesen leidet an akutem Reformstau. Ferdinand M. Gerlach, Vorsitzender der „Gesundheitsweisen“ des Bundes, empfiehlt eine Rosskur.

Essen.  Geht es um unser Gesundheitswesen, neigen sich die Daumen der Bürger oft nach unten. Viele empfinden die medizinische Versorgung als zu teuer und zu wenig am Patienten ausgerichtet. Dabei haben wir eines der besten Gesundheitssysteme der Welt, meint Ferdinand M. Gerlach. Trotzdem attestiert der Vorsitzende der „Gesundheitsweisen“ des Bundes, am Montag hochkarätiger Gast beim Politischen Forum Ruhr in Essen, dem System akuten Reformbedarf an vielen Stellen. Ein Überblick.

Die Gesundheit ist uns teuer – und kostet immer mehr. Woran liegt’s?

Weit verbreitet ist die Ansicht, besonders die starke Alterung der Gesellschaft treibe die Gesundheitskosten immer weiter nach oben. Aber das stimmt nicht. „Die Menschen werden nicht automatisch kränker, nur weil sie älter werden“, sagt Ferdinand M. Gerlach. Der demografische Wandel trage nur zu zehn bis maximal 20 Prozent zur Kostensteigerung bei. Hauptverursacher seien neben dem medizinisch-technischen Fortschritt falsche Anreizsysteme für Ärzte sowie die Fehlsteuerungen bei der regionalen Versorgung.

In Deutschland gibt es zu viele Krankenhäuser – stimmt das?

Ja und nein. Vor allem in Ballungsräumen wie dem Ruhrgebiet gibt es zu viele Kliniken. In ländlichen Regionen, so Gerlach, werde die medizinische Versorgung dagegen zunehmend problematischer, weil kleinere Krankenhäuser die Maximalversorgung nicht mehr kostendeckend leisten könnten. Der Frankfurter Medizinprofessor fordert eine Kurskorrektur bei der Verteilung der vorhandenen Kapazitäten. Gerade in NRW sei die Krankenhausdichte im nationalen und internationalen Vergleich auffällig hoch. Die benachbarten Niederlande kämen bei ungefähr gleicher Bevölkerungszahl mit einem Drittel der Krankenhäuser aus, auch wenn die beiden Gesundheitssysteme nicht eins zu eins zu vergleichen seien.

Müssen Kliniken schließen?

Gerlach meint ja. „Es ist absehbar, dass in NRW Kliniken geschlossen oder beispielsweise in Pflege-Einrichtungen umgewandelt werden müssen“, sagt der Direktor des Instituts für Allgemeinmedizin an der Universität Frankfurt/Main dieser Zeitung. Er rechne jedoch mit einer sehr langsamen Entwicklung, weil jede Klinik erst einmal versuchen werde, ums eigene Überleben zu kämpfen. Nötig aber sei eine Planung aus einer Hand.

Stirbt der Landarzt wirklich aus?

Möglich. Um es zu verhindern, fordert Gerlach ein schnelles Umsteuern. „Junge Ärzte setzen heute andere Prioritäten. Sie wollen im Team arbeiten, Familie und Beruf besser vereinbaren können, insgesamt mehr Flexibilität im Arbeitsleben haben.“ Das klassische Modell des Landarztes als Einzelkämpfer ziehe nicht mehr. Gerlach: „Was wir brauchen, sind attraktive Angebote für die Arbeit im ländlichen Raum, zum Beispiel lokale Gesundheitszentren, in denen auch Haus- und Fachärzte, die zum Teil in der Großstadt wohnen, in Teilzeit praktizieren können.“

Und in der Mediziner-Ausbildung bleibt alles beim Alten?

Kaum. Nachgesteuert werden muss laut Gerlach auch beim Studium und der Weiterbildung. Immer mehr angehende Ärzte entscheiden sich für eine spezialisierte Facharztweiterbildung, wohl auch in der Hoffnung, dort mehr zu verdienen. Die Zahl der niedergelassenen Fachärzte ist von 1993 bis 2014 um knapp 60 Prozent gestiegen, die der Hausärzte im selben Zeitraum um zwölf Prozent gesunken. In der derzeit vom Gesetzgeber diskutierten Reform des Medizinstudiums soll diesem bedenklichen Trend ein größeres Gewicht der Allgemeinmedizin entgegengesetzt werden.

Sind die Patienten ganz unschuldig an der Entwicklung?

So viel steht fest: Die Deutschen gehen sehr oft zum Arzt. Gerlach kritisiert das als „Flatrate-Mentalität“. Nach der Abschaffung der Praxisgebühr sei die Zahl der Arztkontakte auf geschätzt 20 pro Jahr und Einwohner gestiegen. Gerlach: „Das ist weltweit rekordverdächtig.“ Nach jüngsten Erhebungen noch vor Abschaffung der Gebühr saßen an Spitzentagen nahezu zwölf Prozent der Bevölkerung in den Wartezimmern niedergelassener Ärzte. Die Wiedereinführung der Praxisgebühr hält Gerlach politisch für nicht durchsetzbar. „Wir brauchen aber intelligente bargeldlose Selbstbeteiligungskonzepte nach internationalen Vorbildern.“