Daniel Bahr will Ärzte in die Schulen schicken

Birgitta Stauber-Klein
Für seine Absicht, Kinderärzte in Schulen zu schicken, bekommt der liberale Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr viel Lob – und den Auftrag, die Kosten zu übernehmen. Ein Ministeriumssprecher betont, es sei noch viel zu früh, um über die Finanzierung zu reden.

Essen. Um einmal mit einer guten Nachricht zu beginnen: Die meisten Eltern kümmern sich vorbildlich um die gesundheitliche Entwicklung ihrer Kinder. So werden Vorsorgeuntersuchungen lange im Voraus geplant, mitunter fiebern Eltern den Terminen entgegen aus Sorge, in Zweifel nicht rechtzeitig einen Hörschaden, eine Entwicklungsverzögerung oder eine Sprachstörung zu entdecken.

Dass es vielen Kindern gut geht, daran hat auch Heinz Hilgers keinen Zweifel. Doch leider, sagt der Präsident des Deutschen Kinderschutzbundes, gibt es dieses Fünftel. Diese 20 Prozent, die mit immer schlechteren Sprachkenntnissen, motorischen Problemen oder starkem Übergewicht in die Schule kommen. Kinder, um deren Entwicklung sich zu Hause niemand kümmert, für die gesundes Essen die Ausnahme ist. Kinder aus Familien, die seit Generationen nicht aus der Armutsspirale hinaus kommen. Und die obendrein in ihrem Umfeld kaum Anregungen bekommen, weil es den Kindern der Nachbarschaft auch nicht anders geht.

Fast alle Eltern sind einverstanden

Die schwachen Kinder leben zusammen und die starken Kinder auch. „Soziale Segregation“ lautet der Fachbegriff dafür. Die sorgt dafür, dass in manchen Grundschulen 95 Prozent der Kinder unter optimalen Bedingungen aufwachsen, in anderen sind es nur fünfzig oder noch weniger. Natürlich wäre es ein enormer Gewinn, wenn Kinder, deren „Eltern der Antrieb fehlt“, in der Schule untersucht würden.

Wenn ihre Eltern einen Zettel bekämen, der sie auffordert, mal einen niedergelassenen Arzt aufzusuchen, sagt Hilgers.

Sachsen hat mit Reihenuntersuchungen gute Erfahrungen gemacht. Der Freistaat knüpfte 1990 an Gesundheitsuntersuchungen aus der DDR-Zeit an und schickt seitdem Schulärzte in zweite, dritte und sechste Klassen. „Vor der Wende war die Teilnahme Pflicht, heute ist das natürlich freiwillig. Aber fast alle Eltern sind einverstanden“, sagt Ralph Schreiber vom Sächsischen Sozialministerium. Die Ärzte achten unter anderem auf Motorik, Gewicht, Seh- und Sprachvermögen.

Wie in der DDR

Reihenuntersuchungen wie in der DDR. Mehr Staat in der Kindererziehung. Holger Hofmann, Geschäftsführer des deutschen Kinderhilfswerks, hat mit dem Vorstoß eines ausgerechnet liberalen Gesundheitsministers Schwierigkeiten. So wichtig Früherkennung sei – Schuluntersuchungen für alle „sind nicht der Königsweg“, sagt er. Eltern könnten sich schnell angegriffen fühlen, wenn sie aufgefordert würden, ihr Kind einem Arzt vorzustellen. „Sie empfinden das oft als Ermahnung“, sagt er.

Was Daniel Bahr plant, wird wohl vor allem die öffentlichen Kassen und damit die Kommunen belasten. Obwohl die Frage der Finanzierung noch gar nicht behandelt wurde, haben die Krankenkassen jedenfalls keinen Zweifel, dass sie bei den Kosten außen vor bleiben. „Reihenuntersuchungen zu organisieren, kann ja nicht Aufgabe der Krankenkassen sein“, sagt Florian Lanz, Pressesprecher des Spitzenverbandes GKV. In dieser Gewissheit lobt er die Absichtserklärung des Gesundheitsministers.

Vorbild ist der zahnärztliche Gesundheitsdienst

Ein Ministeriumssprecher betont, es sei noch viel zu früh, um über die Finanzierung zu reden. Allerdings sei die längst praktizierte Reihenuntersuchung des zahnärztlichen Gesundheitsdienstes für den Minister ein Vorbild – und den finanzieren die Kommunen. Die sollen aber nicht auch noch für künftige allgemeinmedizinische Reihenuntersuchungen aufkommen, sagt die nordrhein-westfälische Gesundheitsministerin Barbara Steffens (Grüne). Wenn der Bund den Kommunen diese Aufgabe auferlege, müsse er auch dafür zahlen.

Wie auch immer: am Sinn einer Schuluntersuchung hat auch Barbara Steffens keinen Zweifel. Schon deswegen sehe sie dem angekündigten Dialog mit dem liberalen Bundesministers „mit Interesse entgegen“.