Christen im Irak - Enttäuscht von den muslimischen Nachbarn

In tiefer Sorge um sein Volk, das vor den IS-Milizen fliehen musste: Der Erzbischof von Mossul,  Emil Shimoun Nona, beim Besuch dieser Redaktion.
In tiefer Sorge um sein Volk, das vor den IS-Milizen fliehen musste: Der Erzbischof von Mossul, Emil Shimoun Nona, beim Besuch dieser Redaktion.
Foto: Kai Kitschenberg / WAZ FotoPool
Bei der Eroberung der irakischen Stadt Mossul durch IS-Terroristen musste die christliche Gemeinde fliehen. „Mein Volk ist verzweifelt. Wir brauchen Hilfe“, sagt der Erzbischof von Mossul, Emil Shimoun Nona, bei seinem Besuch in Deutschland. Er dankte den Lesern der Funke-Gruppe für ihre Spenden.

Essen. Emil Shimoun Nona hat in den vergangenen Jahren häufig mit deutschen Politikern und deutschen Geistlichen gesprochen. Er hat ihnen dann erzählt, wie bedrückend die Lage für die Christen und andere Minderheiten im Irak ist, und er hatte immer das Gefühl, dass ihm niemand wirklich zuhört. Jetzt hören sie dem Erzbischof von Mossul zu. Jetzt, wo sich der „Islamische Staat“ wie ein Krebsgeschwür im Irak und in Syrien ausbreitet. In den vergangenen Tagen war Nona auf Einladung der WAZ und der Caritas im Ruhrbistum, in Berlin und in Essen und hat über das Schicksal der Hunderttausenden berichtet, die vor der Terrormiliz geflohen sind.

„Mein Volk ist verzweifelt. Wir brauchen Hilfe“, sagt Nona immer wieder, bei seinen Begegnungen mit Politikern, Bischöfen, Offizieren, Journalisten und im Gespräch mit WAZ-Lesern. Als die Terroristen Mossul Anfang Juni handstreichartig einnahmen, flohen die Christen in die Nineveh-Ebene östlich der Millionenstadt. Als die christlichen Städte und Dörfer dort wenige Wochen später überrannt wurden, flüchteten sie sich in die sicheren Kurdengebiete, „mit nichts außer dem, was sie am Leib getragen haben“.

In Notunterkünften und Schulen

In Kurdistan leben die Menschen jetzt in Rohbauten, in Schulen, Kirchen, Zelten, Parks, auf der Straße. Es herrscht derzeit eine Gluthitze, 45 Grad und mehr. Immerhin, sagt Nona, gehe es den Christen besser als den Jesiden, weil die christlichen Flüchtlinge wenigstens die Kirchen als Anlaufstellen hätten. Die Probleme werden aber nicht weniger: Bald enden die Schulferien, dann müssen die Flüchtlinge die Schulen verlassen, in denen Zehntausende von ihnen untergebracht sind. In wenigen Monaten beginnt der Winter, in dem es bitterkalt werden wird. „Wir brauchen dringend Unterkünfte“, mahnt Nona.

Ob es eine Chance gibt, dass die Christen wieder nach Mossul zurückkehren können, ob es überhaupt eine Zukunft für sie im Irak gibt? Leider, sagt der Erzbischof, habe kaum jemand noch Vertrauen. „Unsere muslimischen Nachbarn, mit denen wir jahrzehntelang Tür an Tür gelebt haben, haben uns ausgeraubt.“

Hilfe der WAZ-Leser ein Lichtblick

Überhaupt sei er tief enttäuscht über die geringe Anteilnahme am Schicksal der Christen und Jesiden in der islamischen Welt; darüber, dass kaum ein offizieller Vertreter des Islam die Verbrechen der IS-Milizen verurteilt habe; und darüber, dass „sich noch kein einziger von meinen muslimischen Freunden in Mossul bei mir gemeldet hat und mich gefragt hat, wie es mir und meinen Leuten geht“.

Ein Lichtblick sei aber die Hilfe gewesen, die die WAZ-Leser mit ihren Spenden geleistet haben. 350 000 Euro sind seit Juni zusammengekommen, davon sind 190 Tonnen Lebensmittel gekauft worden, Hunderte Familien haben Bargeld erhalten. „Ihr wart die ersten, die uns geholfen haben“, sagt Nona am Mittwoch im Pressehaus im Gespräch mit WAZ-Lesern.

 
 

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