Casinos in der Krise - "Westspiel" macht Millionenverluste

Nichts geht mehr - im Casino: Die landeseigene Glücksspielgesellschaft "Westspiel" macht Millionenverluste.
Nichts geht mehr - im Casino: Die landeseigene Glücksspielgesellschaft "Westspiel" macht Millionenverluste.
Foto: Andreas Mangen/Funke Foto Services (Archiv)
Die NRW-Glücksspielgesellschaft "Westspiel" häuft Verluste in Millionenhöhe an, trotzdem gibt's teure Reisen nach Las Vegas. Land uneins über Verkauf.

Düsseldorf. Der finanziell angeschlagene landeseigene Casinobetreiber „Westspiel“ ist erneut in den Verdacht der Verschwendung von öffentlichen Geldern geraten. Die Führungskräfte des Duisburger Unternehmens gönnen sich nach Informationen der Funke-Mediengruppe seit Jahren Gruppenreisen nach Las Vegas. Offiziell stand dabei stets der Besuch der Branchenmesser „G2E“ auf dem Programm. Betriebsintern ist jedoch von kostspieligen Show- und Galabesuchen die Rede. Ein Westspiel-Sprecher bestätigte, dass 2015 sechs Mitarbeiter gemeinsam in Las Vegas waren, die „umfassende Information über ein zeitgemäßes Spieleangebot“ dort sei wichtig. Ein umfangreiches Freizeitangebot habe es bei der Reise nicht gegeben. Zuletzt hatte Westspiel bereits mit ei­ner Betriebsfeier auf einem Rheinschiff für 70 000 Euro für Aufsehen gesorgt.

Halb so viele Besucher wie 2004

„Die Bank gewinnt immer“ – der alte Casino-Slogan gilt für „Westspiel“ schon lange nicht mehr. Das Unternehmen, zu 100 Prozent im Besitz der NRW-Förderbank, betreibt Spielbanken in Duisburg, Dortmund, Aachen, Bad Oeynhausen, Bremerhaven und Bremen. Mit dramatischen Dauerverlusten. 2014 wurden nur halb so viele Besucher gezählt wie noch zehn Jahre zuvor. In Duisburg gingen die Zahlen seit der Eröffnung 2007 um 200 000 zurück. Noch stärker fiel der Absturz der einstigen Perle unter den deutschen Casinos aus: Die zur Eröffnung 1986 größte deutsche Spielbank Hohensyburg in Dortmund lockte zu Glanzzeiten jährlich über eine Million Gäste an die Spieltische. 2014 waren es nur noch knapp über 300 000. Die Spielbank Aachen steht sogar zur Hälfte leer.

Es ist vor allem die Internet-Zockerei, die dem traditionellen Casino zu schaffen macht. Ein internes Papier, das der Funke-Mediengruppe vorliegt, unterlegt die Misere erstmals mit konkreten Zahlen: Allein zwischen 2009 und 2013 hat „Westspiel“ Verluste von 34,1 Millionen Euro angehäuft. 35,8 Millionen Euro Eigenkapital seien „nahezu aufgezehrt“, heißt es dort. Kurzum: Ohne den umstrittenen Verkauf von zwei Bildern des US-Künstlers Andy Warhol 2014 für 111 Millionen Euro wäre „Westspiel“ möglicherweise schon pleite.

Finanzminister Walter-Borjans bescheinigte dem Casino-Unternehmen dennoch, „dass es in der letzten Zeit ei­ne Reihe von Schritten unternommen hat, die die Perspektiven eindeutig verbessern“. Bei „Westspiel“ zeigt man sich zumindest mit dem Jahr 2015 zufrieden. „Wir haben ein hohes einstelliges Wachstum des Bruttospielertrags erzielt“, so ein Unternehmersprecher. Bislang jedenfalls konnte Walter-Borjans Kritiker des landeseigenen Glücksspiel-Betriebs darauf verweisen, dass trotz abschmelzender Bruttospielerträge von zuletzt 70 Millionen Euro im Jahr noch rund 30 Millionen Euro für die staatliche Stiftung Wohlfahrtspflege abgeführt wurden.

„Ergebnisoffene Prüfung“

Die Opposition im Landtag fordert dennoch den Verkauf der Casino-Tochter: „Das höchst fragwürdige Finanzgebaren bei Westspiel würde sich sofort ändern, wenn ein privater Eigentümer und nicht mehr der Steuerzahler für die Verschwendungssucht aufkommen muss“, sagt FDP-Fraktionsvize Ralf Witzel. Die Landesregierung müsse eine „ergebnisoffene Prüfung aller Optionen“ in die Wege leiten. NRW-Wirtschaftsminister Garrelt Duin (SPD) hat genau das vergangene Woche zugesagt. Doch Walter-Borjans korrigierte den Kabinettskollegen sogleich: „Privatisierung ist keine Option.“ Auch die Grünen grätschten dazwischen.

Viele junge Männer zocken lieber im Internet

Das Glücksspiel-Angebot in Deutschland ist in den vergangenen Jahren immer vielfältiger geworden. Die „Klassiker“ wie Lotto, Toto, Automatenspiele und Spielbanken gibt es nach wie vor. Daneben locken Internet-Glücksspiele aller Art und private Wettbüros. Kurios: Die Zahl der Glücksspieler ist insgesamt gesunken.

Laut Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung gaben im Jahr 2015 bei einer Umfrage 37,3 Prozent der Befragten an, in jenem Jahr an einem Glücksspiel teilgenommen zu haben. 2013 waren es 40,2 Prozent. Lotto („6 aus 49“) ist auf dem absteigenden Ast. 2007 füllte jeder dritte Bürger mindestens einmal einen Lottoschein aus. 2015 nur noch jeder fünfte. Gerade bei jungen Menschen ist Lotto unbeliebt.

Immer weniger versuchen ihr Glück beim Roulette in der Spielbank. Nur 1,7 Prozent der Befragten besuchten zuletzt ein Casino. Dagegen boomen die Sportwetten: Besonders junge Männer versuchen hier ihr Glück, im Internet oder in Wettbüros. Spielsucht-Experten beobachten zudem mit Sorge die illegalen Online-Casinospiele. „Die Regeln für staatlich konzessionierte Spielbanken wurden in den letzten Jahren gelockert: ein Spielverbot für Spieler, die in der Nähe des Casinos wohnen (Residenzverbot) gibt es nicht mehr, die Kleidervorschriften sind weniger streng. Aber es gibt dort immerhin Ausweiskontrollen und die Möglichkeit zur Selbstsperre, im Gegensatz zu den Spielhallen und den Online-Glückspielangeboten“, sagte Ilona Füchtenschnieder von der Koordinierungsstelle Glücksspielsucht NRW.

 
 

EURE FAVORITEN