Burger, für die kein Tier sterben muss - Ist das die Zukunft?

Das künstliche Fleisch wuchs binnen drei Monaten in der Petrischale. Und man kann sagen, was man will: Die richtige Form für einen feinen Burger hat es.
Das künstliche Fleisch wuchs binnen drei Monaten in der Petrischale. Und man kann sagen, was man will: Die richtige Form für einen feinen Burger hat es.
Foto: dpa
Der niederländische Forscher Mark Post hat künstliches Fleisch erfunden. Es kommt aus Stammzellen und wächst in der Petrischale. Mit Posts erstem Burger verbinden sich Hoffnungen, Zweifel und ein eher mittelmäßiges Geschmackserlebnis.

London.. Es dauerte am Dienstag etwas länger, bis wir mit dem Telefon bei der Wiener Ernährungswissenschaftlerin Hanni Rützler durchkamen, ständig war bei ihr besetzt. Es war der Tag, nachdem sie in London den weltweit ersten Burger aus Klonfleisch probiert hatte. Zu viele Menschen wollten nun mit ihr sprechen, und sie bat uns freundlich um Verständnis, dass sie an diesem Tag keine Interviews mehr geben könne. Aber dadurch hatten wir schon die entscheidende Information: Hanni Rützler lebt noch.

Künstlich hergestelltes Fleisch also. Kein Tofu-Steak oder Grünkernbratling, wie man sie Vegetariern gelegentlich anbietet; sondern eine Frikadelle aus Fleisch und Blut, für die allerdings kein Tier sterben musste.

Sie ist das Ergebnis von fünf Jahren Forschung des niederländischen Mediziners Mark Post und seines Teams. Die Wissenschaftler entnahmen Gewebe aus dem Nacken zweier lebender Rinder. Daraus gewannen sie Stammzellen. Sie gaben diese Stammzellen zusammen mit einer Nährlösung und einem Antibiotika-Cocktail in die Petrischale und warteten.

„Mehr Salz und Pfeffer“

Nach vielen gescheiterten Versuchen gelang es ihnen in den letzten drei Monaten, einen Fleischballen in der Petrischale wachsen zu lassen. Diesen Fleischballen ließ Mark Post auf einer Pressekonferenz in London medienwirksam braten und von Hanni Rützler erstverkosten. Ihr Kommentar: „Ich dachte, dass es weicher ist. Aber es ist schon sehr nahe am Fleisch. Nicht so saftig. Und das nächste Mal brauchen wir mehr Salz und Pfeffer.“

Mark Posts Burger ist der teuerste, der je gegessen wurde: 250.000 Euro hat die Herstellung von 140 Gramm im Labor gekostet. Das geht nur mit einem privaten Geldgeber. In Posts Fall war es Sergej Brin, Mitbegründer des Internetkonzerns Google, zahlungskräftig und revolutionären Technologien mindestens aufgeschlossen.

Klonfleisch braucht kaum Land, kaum Wasser

Mark Post ist sicher: Klonfleisch kann unsere Ernährungs- und Klimaprobleme lindern. Weltweit steigt der Fleischkonsum, die Welternährungsorganisation FAO rechnet mit einem weiteren Zuwachs um 60 Prozent bis 2050.

Doch Viehmast braucht schon heute dreißig Prozent der eisfreien Fläche und fast zehn Prozent des Süßwassers der Erde, sie erzeugt ein Fünftel der Treibhausgase. Eine britische Studie hat ergeben, dass im Labor hergestelltes Fleisch 30 bis 60 Prozent weniger Energie, 98 Prozent weniger Land und 96 Prozent weniger Wasser benötigt.

Klonfleisch, die Rettung? Man muss das nicht so sehen. Ute Latzke von der Welthungerhilfe in Bonn: „Schon jetzt könnte man mit den vorhandenen Nahrungsmitteln die ganze Welt ernähren. Hunger gibt es, weil zu viele Bauern keinen Zugang zu Bildung, Wasser und gutem Land haben, aber daran ändert Retortenfleisch nichts.“

Noch ist es ohnehin Zukunftsmusik

Die medienwirksame Präsentation des Klonfleisches in London darf auch nicht darüber hinwegtäuschen, dass es noch ein langer Weg bis zur Markteinführung werden dürfte. „Retortenfleisch werden wir nur bekommen, wenn es sich wirtschaftlich lohnt“, sagt Matthias Wolfschmidt von Foodwatch. Daher kann er sich im Moment nur eine Verwendung in Fertigprodukten vorstellen – als Fleisch in Ravioli, Pizzen oder Wiener Würstchen. Eine wichtige Voraussetzung dafür sei aber, dass das Klonfleisch auf der Verpackung überhaupt als „Fleisch“ bezeichnet werden dürfe.

Für Mark Post ist die Sache klar: „Man sollte es Fleisch nennen. Weil es ja auch Fleisch ist“, sagte er in London. Außerdem hat er die Tierschützer auf seiner Seite. „Die Retorten-Technologie macht Schluss mit Lastwagen voller Kühe und Hühner, mit Schlachthöfen und industrieller Viehmast“, erklärte die Tierschutz-Organisation Peta umgehend. Gar nicht ausgeschlossen, dass dieses Argument am Ende auch einen Teil der Verbraucher überzeugen könnte.

Die Zellen überleben nur mit Antibiotika

Und die Gesundheit? Als ein Reporter des „Spiegel“ vor kurzem das Labor von Mark Post besuchte und von dem Fleisch in der Petrischale naschen wollte, beschied Post ihn, das sei zu gefährlich. Die Antibiotika! Manchen Fleischesser mag das an die klassische Viehmast erinnern, aber wie gesagt, Hanni Rützler lebt noch.

 

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