Bundeswehr: Mein Wehrdienst war der Horror – aber für eine Sache bin ich dankbar

Die Ampel-Minister Habeck, Baerbock, Lindner privat

Die Ampel-Minister Habeck, Baerbock, Lindner privat

Sie sind die Ampel-Minister und Teil der Regierung um Bundeskanzler Olaf Scholz. Annalena Baerbock (Grüne), Robert Habeck (Grüne) und Christian Lindner (FDP). In der aktuellen Bundesregierung ist Baerbock Außenministerin, Habeck Bundesminister für Wirtschaft und Energie und Lindner Bundesfinanzminister. Doch was ist über das Privatleben der dreien bekannt?

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  • Nachdem Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier die Einführung einer sozialen Pflichtzeit forderte, zieht CDU-Generalsekretär Mario Karschunke nach. Er fordert die Wiedereinführung der Wehrpflicht
  • Unser Redakteur war selbst bei der Bundeswehr
  • Ein Kommentar

Es war Mitte des Jahres 2008 als ich einen Brief vom Kreiswehrersatzamt in Dortmund bekam. Es war ein Brief, der mein Leben verändern sollte. War ich als Abiturient ab und an gar damit überfordert, morgens pünktlich im richtigen Klassenraum zu erscheinen, sollte ich fortan durch Matsch kriechen, auf Zielscheiben ballern und mich von mehr oder minder begabten Vorgesetzten anschreien lassen.

Das zumindest war es, was ich bislang von der Bundeswehr gehört hatte. Das waren die Klischees, die mir meine Klassenkameraden um die Ohren pfefferten. Klassenkameraden, die sich gegen neun Monate in der ostwestfälischen Provinz (ich „durfte“ nach Augustdorf) entschieden hatten, stattdessen im Zivildienst Notarztdienste fuhren oder Senioren pflegten.

Bundeswehr: Viel Geschrei und mieses Essen

Und was soll ich sagen? Ganz unrecht hatten sie nicht. Ja, bei der Bundeswehr wird viel geschrien. Und ja, Essen aus Blechdosen schmeckt nicht zwingend besser als von einem echten Teller. Aber es waren auch jene Monate, die mich als Mensch reifen ließen.

Wer erinnert sich nicht daran? Die Schule ist beendet und man fühlt sich unbesiegbar. Endlich frei. Keine Lehrer, die einem erzählen, was man zu tun oder zu lassen hat. Keine Fragen mehr nach den Hausaufgaben.

Doch mit dem Gefühl der Unbesiegbarkeit kommen schnell die Zweifel. Was soll ich jetzt tun? In wenigen Wochen beginnt das nächste Semester an der Uni. Oder doch eher eine Ausbildung? Und wie genau soll ich den Rest meines Lebens auf die Kette kriegen, wenn ich bis jetzt nicht mal mein Essen selber kochen musste?

Bundeswehr: Sechs Personen in einem Zimmer – das erdet

Da kam mir die Bundeswehr gerade recht. Nirgendwo wird das Leben so sehr auf das Wesentliche reduziert wie in den ersten drei Monaten beim Bund. Die AGA (Allgemeine Grundausbildung) ist die schlimmste Schinderei, die man sich als verzogener Abiturient vorstellen kann. Mit sechs Fremden auf 25 Quadratmetern wohnen zu müssen, erdet. Hier gibt es keine Privatsphäre. Hier gibt es keine Qualitytime.

Um 4.30 Uhr morgens wurden wir lautstark geweckt, 20 Minuten später mussten wir geduscht, rasiert, mit gebohnerten Stiefeln und ordentlich aufgereiht vor dem Gebäude stehen. Wer sich nicht ordnungsgemäß rasiert hatte, durfte noch mal von vorne beginnen und sich später auf den Frust seiner Kameraden freuen - die selbstverständlich immer noch stillstanden und warteten. Die Zeit ging selbstverständlich vom Frühstück aller ab.

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Die Diskussion um den Pflichtdienst:

  • Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier regte die Diskussion um die Einführung eines sozialen Pflichtdiensts für junge Menschen in Deutschland an
  • Dies würde der Gesellschaft gut tun, so der Bundespräsident
  • Der Dienst müsse nicht zwingend bei der Bundeswehr geleistet werden, so Steinmeier. Er könne auch aus der Seniorenbetreuung oder der Arbeit mit Jugendlichen bestehen

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Später quälte man sich bis zum Erbrechen (keine Metapher) über die Hindernisbahn, zerlegte und setzte sein Gewehr zusammen, bis die Finger bluteten und schrubbte einen Holzboden, auf dem schon Generationen von Wehrdienstleistenden dasselbe getan hatten.

Bundeswehr: Ich würde immer wieder hingehen

Und ja, man wurde auch angeschrien. Eigentlich wurde man ständig angeschrien und niedergemacht. Doch das war es, was diese Zeit ausmachte. Dieses „wir gegen die Schinder“. Aus völlig Fremden wurden Freunde. Aus Rotzlöffeln wurden eigenständige Menschen. Mein Hemd kann ich noch heute wie aus dem Effeff auf Din-A4-Format falten. Und der Wehrdienst-Horror lehrte mich, dass ich mir an der Uni verdammt noch mal den Ar**h aufreißen muss.

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Denn zur Bundeswehr wollte ich nie wieder. Nie wieder wollte ich mich grundlos anschreien lassen, nie wieder wollte ich bei eisiger Kälte durch den Matsch kriechen und nachts zum Putzen geweckt werden. Und genau das ist der Grund, warum ich mich immer wieder gegen den Zivildienst und für die Bundeswehr entscheiden würde. Ich bin gereift. Ich habe herausgefunden, was ich will und was ich nicht will. Ich habe für mich entdeckt, was aus mir werden soll. Und dafür bin ich der Bundeswehr noch heute dankbar. Dafür und für die Stiefel. Die trotzen auch 14 Jahre später noch jedem Wetter.