Bischof spricht über Kirche und Sex

Angelika Wölk
Ruhrbischof  Franz-Josef Overbeck. Foto: Stephan Glagla / WAZ FotoPool
Ruhrbischof Franz-Josef Overbeck. Foto: Stephan Glagla / WAZ FotoPool
Kirche und Sex, das sind Themen, die in der Wahrnehmung wohl der meisten Menschen gar nicht zusammen gehen. Ruhrbischof Franz-Josef Overbeck suchte dennoch die Diskussion über Sexualität. Er durchbrach das Schweigen der Kirche.

Mülheim. Kirche und Sex, das sind Themen, die in der Wahrnehmung wohl der meisten Menschen gar nicht zusammen gehen. Mehr noch: Es ist eine Kombination, die gesellschaftlich eins ist mit Rückwärts-Gewandtheit. Da schwingt immer das Kondom-Verbot mit, die Pillen-Enzyklika (Humanae Vitae von 1968), da schwingt immer das verdruckste, erdrückend quälende Schweigen der Kirche zu allem mit, was zur Körperlichkeit des Menschen gehört. Und genau dieses Schweigen wollte Ruhrbischof Franz-Josef Overbeck durchbrechen – jener Bischof, der vor zwei Jahren noch große Aufmerksamkeit mit seiner Ablehnung gegenüber der Homosexualität erlangte.

Im Zuge des Dialog-Prozesses lud er am Donnerstagabend zu einer Podiums-Diskussion mit dem Titel: Wie kann Kirche über Sexualität reden? Es wurde eine sehr kontroverse Diskussion, aber auch ein sehr ernsthafter, nachdenklicher und sachlicher Meinungsaustausch. Zumindest auf diesem Podium wurde das Jahrzehnte andauernde Schweigen der Kirche tatsächlich durchbrochen.

„Sexualforscherin nennt Kirchenlehre „lebensfremd“

In dem Gespräch in der Mülheimer Akademie „Wolfsburg“ musste sich Overbeck zunächst die geballte Kritik der Gäste an der kirchlichen Lehre anhören. Er war dabei ein nachdenklich wirkender, ernster Zuhörer. Die Kritik konzentrierte sich vor auf die Koppelung von Sexualität und Fortpflanzung und an die Ehe. Für die Sexualforscherin Professor Hertha Richter-Appelt ein Unding. „Die Sexualität auf die Reproduktion zu beschränken, ist überholt“, sagte sie glasklar. Das entspräche weder dem Leben der Katholiken, noch dem der übrigen Gesellschaft. Sexualität sei ein natürliches Bedürfnis des Menschen, ein wichtiger Faktor, um Befriedigung zu bekommen, ein wichtiger Bestandteil einer Partnerschaft.

Beim Sexualverhalten habe es eine große kulturelle Veränderung gegeben: Hauptkriterium für Sex „ist nicht, ob jemand verheiratet ist“, so die Forscherin, „sondern, ob es mir schadet. Jeder muss für sich entscheiden. Das ist die größte gesellschaftliche Veränderung.“

Auch Konrad Hilpert, einer der führenden Professoren in der Moraltheologie, spricht gegenüber dem Bischof aus, was viele denken: Die kirchliche Sexualmoral sei „lebensfremd“. „Die Offenheit für das Kind bei jedem Akt ist real eben nicht gegeben.“ Er appellierte, die Kirche solle weg von einer „Verbotsmoral“ hin zu einer positiven Moral, einer, die den ganzen Menschen in den Blick nehme.

Die Koppelung von Sexualität und Ehe kritisierte auch der Familienberater und Psychoanalytiker Elmar Struck. „Viele Menschen sind gut beraten, nicht zu heiraten“, weiß er aus der Praxis. Ihnen fehle das „Rüstzeug“ dafür. „Und trotzdem haben diese Menschen Sexualität genau sowie Homosexuelle.“

Ein Homosexueller wünscht sich einen kirchlichen Segen

Kein leichter Stand für den Bischof, schließlich saß er auf dem Podium, um die Tradition der Kirche zu verteidigen. Er warb für die kirchliche Sicht, sprach von den „Schätzen der kirchlichen Tradition“, davon, dass für die Kirche Sexualität und Liebe zusammengehörten. Aber er räumte auch ein, dass sich die Kirche neueren Erkenntnissen der Wissenschaften nicht verschließen könne.

Am Ende versuchte es ein Homosexueller aus dem Publikum, Overbeck etwas Hoffnungsvolles abzuringen. Ob er sich vorstellen könne, fragte er, dass er und sein Partner in 20 Jahren einen kirchlichen Segen erhalten könnten. Overbeck bleibt ehrlich, macht keine falschen Hoffnungen. „Unter den heutigen Bedingungen kann ich sagen, dass wir das nicht tun werden.“ Und dennoch sprach der Bischof davon, dass er die Ernsthaftigkeit dieser Partnerschaft nicht in Zweifel stelle, dass er sich kein Urteil erlauben wolle. Ganz andere Töne, als die, die noch vor zwei Jahren zu hören waren.