Bildungsgewerkschaft GEW: "An Grundschulen fehlen Lehrer"

Matthias Korfmann
Rashid aus Syrien sitzt im Unterricht neben Anna-Lena, die ihm immer mal wieder hilft. In vielen Klassen werden Kinder von Zugewanderten oder Flüchtlingen möglichst früh in bestehende Klassen integriert.
Rashid aus Syrien sitzt im Unterricht neben Anna-Lena, die ihm immer mal wieder hilft. In vielen Klassen werden Kinder von Zugewanderten oder Flüchtlingen möglichst früh in bestehende Klassen integriert.
Foto: Matthias Graben / Funke Foto Services
Dorothea Schäfer, Vorsitzende der Bildungsgewerkschaft GEW in NRW, beklagt zu hohe Belastungen der Schulen durch Inklusion und Flüchtlinge.

Düsseldorf. Das Schuljahr ist vorbei. Dorothea Schäfer, die NRW-Vorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), sieht noch viele schulpolitische „Baustellen“ im Land. Der gemeinsame Unterricht (Inklusion) funktioniere noch nicht. Und an Grundschulen herrsche Lehrermangel, sagt sie im Gespräch mit Matthias Korfmann.

Frau Schäfer, die Landesregierung wurde zuletzt hart für ihre Schulpolitik kritisiert. Ist auch etwas gut gelaufen in diesem Schuljahr?

Dorothea Schäfer: Ja. Manche Schulleiter haben mehr Zeit bekommen für ihre Arbeit, das Referendariat ist auch in Teilzeit möglich, und es wurden tatsächlich Tausende zusätzliche Lehrerstellen geschaffen. Die Landesregierung hat es sich zum Glück nicht so leicht gemacht und die Arbeitszeiten der Lehrer verlängert oder die Klassen schlicht vergrößert.

Also doch eine gute Note für Nordrhein-Westfalen?

Schäfer: Ich will keine Noten vergeben. Aber schulpolitisch ist vieles noch nicht gut gelungen. Die größte Baustelle ist die Inklusion, also der gemeinsame Unterricht von behinderten und nicht behinderten Kindern. Dafür müsste es viel mehr zusätzliche Lehrer und Sonderpädagogen geben. Die Inklusion wird nun auch in den 6. und 7. Klassen Standard, dennoch haben die Regelschulen und die Förderschulen für diesen Unterricht insgesamt weniger Lehrer zur Verfügung.

Und wie klappt es bei der schulischen Integration von Flüchtlingskindern?

Schäfer: Die Lehrer engagieren sich dafür ungeheuer. Dennoch ist die Aufgabe derzeit kaum zu bewältigen. In den Vorbereitungsklassen sitzen 15 bis 18 Kinder und für die gibt es nur eine halbe Stelle zusätzlich. Zwölf Kinder pro Klasse und eine ganze Stelle wären angemessen. Denn die Kinder dort sind unterschiedlich alt, kommen aus unterschiedlichen Ländern, manche haben noch nie eine Schule von innen gesehen.

Eine Umfrage hat jüngst ergeben, dass sich viele Grundschulen als „Stiefkinder“ in der NRW-Schullandschaft verstehen. Wird die Grundschule tatsächlich vernachlässigt?

Schäfer: Die Klagen sind berechtigt. An den Grundschulen sind nicht nur viele Leiterstellen unbesetzt, es gibt auch einen Lehrermangel. Das liegt an den Flüchtlingskindern, die dazu gekommen sind, aber auch an der veränderten Lehrerausbildung, die von sechs auf zehn Semester verlängert wird. Dadurch entsteht eine Lücke bei den Absolventen. Schlecht ist es auch, dass die Grundschulen regional sehr unterschiedlich besetzt sind. Im Sieger- und Sauerland finden die Schulen viel weniger Bewerber für freie Stellen als im Münsterland, in Köln oder im Ruhrgebiet.

Was müsste sich ändern?

Schäfer: Nordrhein-Westfalen sollte den Seiteneinstieg in den Grundschullehr-Beruf erleichtern, Lehrer, die im offenen Ganztag arbeiten, im Unterricht einsetzen und die Anerkennung ausländischer Lehrerabschlüsse erleichtern. Das würde uns zum Beispiel an der Grenze zu den Niederlanden weiterhelfen.

Schäfer kritisiert Erlass des Schulministeriums

Ein Erlass des NRW-Schulministeriums zum Unterricht von Flüchtlingskindern hat am Freitag Wirbel und Verärgerung im Landtag ausgelöst. CDU, FDP und Piraten vermuten dahinter einen Versuch, die speziell für Flüchtlinge eingerichteten Vorbereitungsklassen aufzulösen und die Kinder von Anfang an im Regelunterricht unterzubringen. FDP-Fraktionsvize Joachim Stamp sprach von einer „integrationspolitischen Geisterfahrt“.

Das Schulministerium dementierte. Es handele sich um ein „Missverständnis“. Im Grunde seien in dem neuen Erlass nur die Begriffe „Auffang- und Vorbereitungsklassen“ durch das Wort „Sprachfördergruppen“ ersetzt worden. Eine klärende Aussprache zu dem Thema im Landtag lehnten SPD und Grüne gestern ab.

GEW-Landeschefin Dorothea Schäfer hält es trotz des Dementis für möglich, dass die Regierung die Integrationsklassen auflösen möchte. „Das wäre fatal. Es ist gut, dass diese Kinder zunächst unter sich sind. In den Regelklassen würden viele von ihnen erst mal nur dasitzen und nichts verstehen“, sagte Schäfer der WAZ. Der Erlass und die Diskussion darüber verunsichere viele Lehrer.