Besserwissen macht nicht satt – von Johannes Dieterich

Johannes Dieterich

Da sind sie wieder: Die Bilder von den ausgehungerten Kindern. Solche Szenen hatte man in diesem Jahrhundert nicht mehr erwartet: Hatten Technologen nicht das ­Ende altertümlicher Hungersnöte erklärt? Wurde nicht soeben – auch von der Afrika­reisenden Angela Merkel – die Renaissance des Aschenputtel-Kontinents ausgerufen?

Vielleicht auch deshalb unterscheidet sich die Reaktion auf die erste Hungersnot der Welt seit einem Vierteljahrhundert: Statt die Geldbörsen zu zücken, zeigt man lieber mit dem Finger. Die Schuldigen für den ­„Hunger-Skandal“ werden etwa unter den Entwicklungshelfern ausgemacht, die es ­versäumt hätten, die betroffenen Staaten vor Nahrungsmittel-Engpässen zu bewahren. Oder unter den afrikanischen Politikern, die nur an Selbstbereicherung interessiert seien. Oder in den somalischen Islamisten, die über Leichen gingen. Oder in der internationalen Gemeinschaft, die wieder mal viel zu spät auf die Katastrophe reagiert habe.

An all dem ist etwas dran. Dazu kommt: Keine Krisenregion der Welt hat in den vergangenen 20 Jahren weniger Aufmerksamkeit erfahren als das Horn von Afrika. Nachdem die UN-Mission „Restore Hope“, die neben Nahrungsmitteln auch Stabilität bringen sollte, Anfang der 90er-Jahre gescheitert war, hatte sich der Westen zurückgezogen: Das Land wurde raffgierigen Kriegsfürsten, feurigen Gottesmännern und gewissenlosen Piraten überlassen. Die somalische Bevölkerung machte durch, was in anderen Teilen der Welt kein Mensch für möglich halten würde: Der derzeitige Exodus der Ausgehungerten ist der Höhepunkt einer Tragödie von epischem Ausmaß. Im Westen war praktisch unbekannt, dass in Mogadischu schon vor der Hungersnot ein brutaler Häuserkampf tobte: ein blinder Fleck im globalen Dorf.

Damit steht Somalia auch für ein grundsätzlicheres Phänomen. Obwohl die Globa­lisierung wirtschaftlich längst Tatsache ist, somalische Piraten dem Welthandel erhebliche Schäden beibringen und somalische Gotteskämpfer den Weltfrieden mit Selbstmordattentaten zu zerstören drohen, pflegen ­abgeschriebene Teile einer Doktorarbeit in Deutschland höhere Wellen zu schlagen als eine Weltregion, die in den Abgrund stürzt.

Fazit: Den Geldbeutel zu öffnen, ist eine der Reaktionen, die angesichts der ­Hungersnot am Horn von Afrika dringend nötig sind. Die Augen zu öffnen und Initiativen zu ergreifen, um solche Katastrophen in Zukunft auszuschließen, eine andere.