Besonnene Islamisten verhindern Blutbad in Ägypten

Ein Anhänger des gestürzten Präsidenten Mursi am Freitag in Kairo.
Ein Anhänger des gestürzten Präsidenten Mursi am Freitag in Kairo.
Foto: Mohamed Abd El Ghany/ rtr
Nach dem Freitagsgebet sind Ägyptens Muslimbrüder wieder in Kairo und anderen Städten auf die Straße gegangen. Ein Blutvergießen wurde dabei offenbar in letzter Minute vermieden. Doch es war der Abschluss einer gewalttätigen Woche.

Kairo.. Nach 57 Toten und über 400 Verletzten am Nationalfeiertag vergangenen Sonntag sind nach dem Freitagsgebet erneut Tausende Anhänger der Muslimbrüder auf die Straße gegangen. „Sisi ist ein Mörder“ und „Weg mit dem Putsch“, skandierten die Demonstranten. In Kairo riefen die Organisatoren die Mursi-Anhänger in letzter Minute dazu auf, nicht wie geplant zum Tahrir-Platz zu marschieren, um Blutvergießen zu vermeiden.

Man begrenze heute die Protestmärsche, damit sich die Lage im Land beruhigen könne, hieß es zur Begründung. Man poche aber auf sein Recht, in den nächsten Wochen sämtliche Plätze in der Stadt wie Tahrir, Rabaa al-Adawiya und Ennahda wieder zu besetzen, erklärte die Bewegung „Jugend gegen den Putsch“.

Alle Zugänge zu dem legendären Kreisverkehr im Zentrum Kairos waren seit dem frühen Morgen mit gepanzerten Fahrzeugen verbarrikadiert. Auf den Nilbrücken marschierten Einheiten von Polizei und Armee auf. In Rabaa al-Adawiya und Ennahda hatten die Mursi-Anhänger nach dem Sturz des Präsidenten am 3. Juli wochenlang campiert, bevor die Polizei ihre Lager in einem beispiellosen Blutbad mit über 500 Toten auflöste. Bis zum frühen Abend kam es in Kairo vereinzelt zu Reibereien, in Alexandria setzte die Polizei Tränengas ein. Freitags gilt in weiten Teilen Ägyptens bereits ab 19 Uhr eine Ausgangssperre.

An den Unis wird geprügelt

Ungeachtet dessen sind die inneren Spannungen in Ägypten in den letzten Tagen wieder deutlich gewachsen. An fast allen Universitäten kommt es täglich zu Kundgebungen auf dem Campus. Seminare und Vorlesungen finden nicht statt, weil im Auditorium ständig politische Wortgefechte ausbrechen oder Studenten mit Fäusten aufeinander losgehen.

Auf dem Sinai kam es diese Woche bereits zum zweiten Selbstmordanschlag. Am Montag hatte sich im Städtchen Al Tur nahe dem Badeort Sharm al Sheikh ein Attentäter vor dem Gebäude von Polizei und Inlandsgeheimdienst in die Luft gesprengt und drei Menschen mit in den Tod gerissen. Am Donnerstag fuhr ein Terrorist im Nordsinai nahe der Provinzstadt El-Arish in eine Straßenkontrolle, tötete vier Soldaten und einen Polizisten.

Seit dem gewaltsamen Sturz von Mohammed Mursi gehen die neuen Herrscher nach wie vor mit aller Gewalt gegen die Muslimbrüder vor. Die Führungsspitze sitzt hinter Gittern. Mursi soll am 4. November wegen Mordes der Prozess gemacht werden. In Kairo schätzen Menschenrechtsorganisationen die Zahl der Verhafteten inzwischen auf 3000 Personen, über deren Haftbedingungen fast nichts nach außen dringt.

Häftlinge stehen in der sengenden Sonne

Zwei Kanadier, die im August festgenommen worden waren und nach Intervention ihrer Regierung freikamen, schilderten die Zustände in den Gefängnissen als Alptraum. Viele Mitgefangene seien wie sie seit Wochen ohne Anklage eingesperrt. Einmal hätten Wächter drei Dutzend Häftlinge für Stunden in einem geschlossenen Transporter in der sengenden Sonne stehen lassen, bis ein Insasse ins Koma fiel. Polizisten würden sich im Spalier aufstellen und auf die durchlaufenden Gefangenen einprügeln. Einem Gefangenen mit gebrochenem Fuß sei der Besuch beim Arzt drei Wochen lang verweigert worden, so dass der Fuß am Ende amputiert werden musste.

 
 

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