Bertelsmann-Studie: Deutsche bilden sich zu wenig weiter

Viele Deutsche nehmen keine Weiterbildungsangebote wahr. Regional gibt es dabei erhebliche Unterschiede.
Viele Deutsche nehmen keine Weiterbildungsangebote wahr. Regional gibt es dabei erhebliche Unterschiede.
Foto: imago/Michael Weber
Pro Jahr bucht nur jeder achte Deutsche einen Weiterbildungskurs. Eine Studie der Bertelsmann Stiftung zeigt regionale Unterschiede.

Berlin/Gütersloh..  Die einen sitzen im Englischkurs für Fortgeschrittene, die anderen buchen die PC-Schulung für Einsteiger und die Dritten machen das Führungstraining für Manager: Jeder achte Deutsche über 25 Jahren nimmt mindestens einmal pro Jahr an einer Weiterbildung teil.

Im internationalen Vergleich ist das nicht viel, im Bundesdurchschnitt ging die Teilnahmequote zwischen 2012 und 2013 sogar leicht zurück. Hinzu kommt: Deutschland ist bei der Weiterbildung ein Flickenteppich, wie der aktuelle Weiterbildungsatlas der Bertelsmann Stiftung zeigt. Die Teilnahmequoten klaffen regional weit auseinander: Während sich im brandenburgischen Landkreis Prignitz nur jeder 34. Einwohner jährlich fortbildet, ist es im hessischen Darmstadt jeder vierte.

Bildungsexperten sehen das lebenslange Lernen als Schlüssel für eine produktive Volkswirtschaft: Wer seine Fähigkeiten regelmäßig verbessert und ausbaut, steigere damit auch die Produktivität der Unternehmen. Gerade weil sich Arbeitsplätze stetig wandeln, sollten Arbeitgeber Weiterbildungen als Investition betrachten.

„Weiterbildungschancen in Deutschland sind regional zu ungleich verteilt. Damit wird Chancengerechtigkeit bei beruflichem und sozialem Aufstieg eingeschränkt“, sagt Jörg Dräger, Vorstand der Bertelsmann Stiftung. Erstmals liegen unserer Redaktion jetzt mit den Daten für 2013 auch die Werte für alle Städte und Kreise vor. Doch bereits der Blick auf die Bundesländer zeigt, wie sehr Weiterbildung vom Wohnort abhängt: Deutlich über dem deutschen Durchschnitt (12,3 Prozent) liegen Baden-Württemberg (14,8) und Hessen (14,6). Dahinter folgen Rheinland-Pfalz (12,8), Bayern (12,6) und Thüringen (12,4). Unter dem Durchschnitt liegen Hamburg (12,1), Berlin (10,8) und Nordrhein-Westfalen (10,4).

Viele Hürden für lebenslanges Lernen

„Insgesamt hat Deutschland bei der Weiterbildung noch viel Luft nach oben“, sagt auch Marvin Bürmann, Weiterbildungsexperte der Bertelsmann Stiftung. „International vergleichende Studien zeigen, dass in skandinavischen Ländern wie Schweden und Finnland deutlich mehr an Weiterbildungen teilgenommen wird. Zuletzt waren sogar bei unseren Nachbarn Dänemark und den Niederlanden die Quoten höher als in Deutschland.“

Für den Weiterbildungsatlas wurden statistische Daten des Mikrozensus ausgewertet. Während andere Studien auch informelle Fortbildungen mit einrechnen, etwa, wenn Kollegen sich gegenseitig in Arbeitsabläufe einweisen, lautete hier die Frage: „Haben Sie in den letzten zwölf Monaten an einer oder mehreren Lehrveranstaltung/-en der allgemeinen oder beruflichen Weiterbildung teilgenommen oder nehmen Sie gegenwärtig daran teil?“ Gemeint waren Kurse, Seminare, Tagungen, Privatunterricht oder Studienzirkel mit vornehmlich privatem Zweck sowie berufsorientierte Umschulungen, Lehrgänge oder Kurse für einen Aufstieg im Job oder neue berufliche Aufgaben, aber auch Fortbildungen, etwa im Bereich Computer, Management oder Rhetorik.

Die Bertelsmann-Experten gehen davon aus, dass etwa ein Drittel der Unterschiede bei den Weiterbildungsquoten durch die regionale Sozial- und Wirtschaftsstruktur zu erklären sind. Das heißt: Wo die Wirtschaft brummt und die Bevölkerung bereits gut qualifiziert ist, bilden sich auch anteilsmäßig mehr Menschen weiter.

Qualität unterscheidet sich regional stark

Zwei Drittel der Unterschiede lägen dagegen an der Qualität der regionalen Angebote. Eine wichtige Rolle spielt dabei, ob die Bildungsträger ihr Programm an den Bedarf vor Ort angepasst und gut darüber informiert haben. Entscheidend ist zudem, ob die Weiterbildungswilligen diese Angebote überhaupt nutzen können. Der alleinerziehenden Bürokauffrau auf dem Land etwa hilft der Abendkurs in der nächsten Kreisstadt wenig, wenn sie keine Kinderbetreuung findet und abends kein Bus mehr zurück ins Dorf fährt.

Der Weiterbildungsatlas zeigt zudem, wie gut eine Region ihre wirtschaftlichen Voraussetzungen und das Potenzial ihre Bevölkerung für Weiterbildung nutzt: Wenn die Teilnahmequote vor Ort so groß ist, wie die regionalen Strukturdaten erwarten lassen, so beträgt die Potenzialausschöpfung 100 Prozent. Im Ländervergleich macht Berlin (79,8 Prozent) am wenigsten aus seinem Potenzial – hier könnte es nach der Sozialstruktur 20 Prozent mehr Teilnehmer geben. Auch Hamburg (84,4 Prozent) und Nordrhein-Westfalen (90,9) nutzen ihre Möglichkeiten für Weiterbildung nicht voll aus. Über den zu erwartenden Werten liegen Baden-Württemberg (115,6), Hessen (113,9 Prozent) und Rheinland-Pfalz (110,1).

Auch wenn sich viele Arbeitnehmer weiterbilden – es gibt Hürden: Wer bezahlt eigentlich die Weiterbildung? Übernimmt der Arbeitgeber die Kosten oder beteiligt er sich zumindest daran? Muss der Bildungswillige Freizeit investieren oder bekommt er Sonderurlaub?

Nach Angaben der Bertelsmann Stiftung gibt es bundesweit kein einheitlich geregeltes Recht auf Weiterbildung. Es gebe allerdings in 14 der 16 Bundesländer (Ausnahmen bilden Sachsen und Bayern) gesetzlich geregelte Ansprüche auf Bildungsurlaub. Welche Ansprüche ein Arbeitnehmer genau hat, unterscheide sich jedoch von Land zu Land.

 
 

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